verrieten und sich in den Dienst des von ihm entzündeten Lebens stellten.Durch welche Schulen der Wissenschaft sie auch gegangen und bei wel-chen Lehrern sie auch ihr Rüstzeug erworben hatten, den neuen Blick indie Dinge und den neuen Atem der Darstellung empfingen sie aus ihrergeistigen Gemeinschaft, und ihr einziger Wille war, ihr dichterisches Er-leben in alle Bereiche des vergangenen und gegenwärtigen Lebens auszu-strömen. Nicht aus der vereinzelten Befähigung, sondern aus dem Kräfte-u mtrieb des lebendigen Freundeskreises wurden die Werke geboren und esls t kein Zufall, daß in den Gedichten der Blätter und den Aufsätzen des»Jahrbuchs" schon die meisten Themen dieser Werke angeschlagen wurden.Nur so war es möglich, daß von jungen Männern wie Gundolf, Friede-^ann und Bertram Werke ausgingen, welche die Forderung methodischer^ucht erfüllten, aber durch die geistige Weite und die sinnliche Dichte'«rer Schau und durch die zugleich glühend bewegte und nüchtern-gehal-te ne Sprachform die Schranken ihrer Wissenschaften durchbrachen undQe n besten des alten Gelehrtengeschlechtes das Bekenntnis abgewannen,a aß diese Werke der Jüngeren zu einer Deutung und Darstellung der gro-ßen geschichtlichen Erscheinungen gelangten, um die sie, die Älteren, sicheir » langes ernstes Forscherleben lang vergeblich bemühten. Wilhelm Dil-they ließ, nach einem Wort aus seinen letzten Tagen, das GundolfscheUc h „Shakespeare und der deutsche Geist" wie „vom Berge in ein ge-übtes Land blicken". Paul Natorp, der Schildhalter der NeukantischenP hilosophenschule, wandelte unter der Einwirkung Friedemanns völligSe 'ne Anschauung von der Platonischen Idee und hätte seine Ideenlehre,wi e er bei der zweiten Bearbeitung gesteht, völlig neuschreiben müssen umdieser Wandlung ganz gerecht zu werden. Simmel aber, der in seinemG °ethebuch eine Ebene der Betrachtung unseres großen Dichters geschaf-fen hatte, die von da ab nur noch dem Banausen zu unterschreiten erlaubt^ ar > schrieb in seiner feinen Art das gleiche von Gundolfs Goethebuch (DieNe ue Rundschau Febr. 1917) und bekannte, daß dieses „die reine Erreicht-et" dessen zeige, was er und Dilthey im letzten Grunde wollten: das Deu-ten und Begreifen des Einzelnen aus der Tiefe des ganzen Lebensrhythmusdes schöpferischen Menschen. Ja über das unmittelbar Erreichte — denAufbau der Gestalt Goethes gemäß dem „Gesetz nach dem er angetreten"7~" schien für Simmel diesem Buche „eine unendliche Zuversicht zur Ganz-he « des persönlichen Lebens" zu entstrahlen und er hoffte: daß es „Unzah-len den Mut gibt diese Ganzheit nicht nur als etwas Wirkliches sondern*J S den Quell einer oder der idealen Forderung zu erleben — und die5 raf t, ohne die dies freilich nicht zu erfüllen ist: diese Ganzheit auch alsElr iheit unter aller Vereinzelung der .Forderungen des Tages' zu fühlen".
483