Druckschrift 
Stefan George und die Blaetter fuer die Kunst : dt. Geistesgeschichte seit 1890
Entstehung
Seite
478
Einzelbild herunterladen
 

schaftslehrer sagen es schon sein Zeiger wird niemals wieder fest undruhig stehen.

Die Dichter brauchten auch nach dem Kriege ihr Verhältnis zu diesenFragegruppen nicht zu überprüfen. Für sie galt es nun erst recht, in derdeutschen Jugend die geistigen Kräfte zu stärken, daß ihr nicht in dengrößer und schlimmer gewordenen Bedrängnissen das Rückgrat gebro-chen und ihr Selbstvertrauen dem Ansturm der Zeitmächte von innenund außen unterliegen würde. Hinsichtlich derMacht der Verhältnisseaber erinnerten sie sich an die Worte von Jacob Burckhardt:Jedenfallskann sich das vorherrschende Pathos unserer Tage, das Besser-leben-Wollen der Massen unmöglich zu einer wahrhaft großen Gestalt verdich-ten. Was wir vor uns sehen ist eher eine allgemeine Verflachung, und «nfdürften das Aufkommen großer Individuen für unmöglich erklären, wennuns nicht die Ahnung sagte, daß die Krisis einmal von ihrem miserable! 1Terrain .Besitz und Erwerb' plötzlich auf ein anderes geraten und dal 1dann ,der Rechte' einmal über Nacht kommen könnte". Es ist freili 0 "keine Frage der Wissenschaft oder Staatskunst unserer Tage, daß eine fkommen könnte und sagen:Ich bin des Gottes, ich kenne euch nicht iund daß dieser zugleich die geistige Macht besäße, seine Träume z uverwirklichen.

6. KAPITEL: DIE DICHTUNG UND DIE WISSEN-SCHAFT

NIETZSCHE,der Mörder Gottes" um eines lebendigen Gottes will en 'der Verächter toten Wissens um einer lebendigen Weisheit wiU el1 'stand an der schlimmen Wende, wo der Deutsche, der auch in den höchsteFormen der Wissenschaft die Weite wie die Gefahren des universalen, o egemeinsamen Geistes für Europa auf sich genommen hatte, im Tragen oxser Last erlahmte. Die großen weltlichen Philosophen und Forscher, welc"schon längst an die Stelle der christlichen Theologen getreten waren, h aten ihre Kraft aus dem Kampfe des neuen an der Antike genährten Geistmit der alten Gläubigkeit gezogen. Das erneuerte der freien Deutung übelassene Gotteswort und der humanistische Rausch der Allerkenntnis der ntürlichen Dinge hatte sich gerade in den deutschen Denkern zu einer tie*Einheit verbunden und in großen Denkbauten ausgewirkt, die bis Hegnoch immer den Anspruch machten, das Weltganze in sich zu befass eDie auf ihn folgenden Geschlechter der Gelehrten, soweit sie öffenth cAnerkennung fanden und bald auch die Herrschaft über unsere Bildung

478