öffentlichen Geschehnissen Europas. Selbst Verweys Hersagen war imGegensatz zu der heroisch-klaren Art Georges mehr elegisch-klagend undhatte jenen Ton der Innerlichkeit, in dem der Rhythmus mehr seelenhafta ls körperhaft erklingt: es war das Lesen eines Einsamen, während imTon Georges stets ein nach außen Wirkendes und die Hörer Einbeziehen-des deutlich wurde. Aber Verwey sah im SIEBENTEN RING nicht einWeiteres Umgreifen der Wirklichkeit durch die dichterische Kraft, viel-mehr ein Abirren Georges von der gemeinsamen künstlerischen Linie indie Gebiete der Prophetie und der Herrschaft. Er glaubte, wie gesagt,dieses Abirren in besonderen Eigenschaften des deutschen Wesens be-gründet zu sehen, die es vom holländischen ja von dem aller übrigen Völ-ker trennten: nämlich in einer Überheblichkeit der völkischen Selbstbe-w ußtheit und des geistigen Anspruchs gegenüber den Nachbarn und ineiner auf Überlieferung gegründeten adlig-herrscherlichen Fühlweise, dieder modernen demokratischen Ordnung der bürgerlichen Gesellschaftre md und feindlich gegenüberstände. Als Verwey in der Besprechung desSIEBENTEN RINGES erklärte, daß die Holländer in der Gleichheit mita Uen Lebenden ihre wahre Erhabenheit erführen und daher die George-Sc hen Denkbilder von königlichem und adligem Menschentum zurück-wies, als er in der Besprechung des STERNS drei Gedichte anmerkte, die'hni schön deuchten und erklärte, das übrige ginge Holländer nichts an,_ ehrte der Dichter dem Dichter gegenüber einen Gegensatz hervor, derlrtl Jahrzehnt des gemeinsamen Weges niemals lautgeworden war. Er^hrte zu einer Anschauung zurück, die er in der Einleitung zur „Zwei-monatlichen Zeitschrift" (1894) in seiner naturalistischen Schaffenszeitgeäußert hatte: „Die Gleichheit aller Menschen: da ist sie wieder gebie-
e nd über alle anderen, das Gesetz der Menschlichkeit.--------Die Griechen
ka nnten sie, aber sie blühte über einem Sklavenstaat. Christus lehrte sie,De r als einen Trost und eine Seligsprechung in einer Welt der Ungleich-st, mit dem Versprechen auf Gleichheit da droben.-------Gleichheit, also
^Menschlichkeit! Seit am letzten Januar 1790 in einem tiefen finsternhönetal zehntausend Bewaffnete auf einem Knie, Hunderttausende ver-gegenwärtigend, und auf zwei Knien dreißigtausend, die es ansahen, dene üigen Eid taten, den Eid der heiligen Gleichheit und es ein Schreiennd Jauchzen war bis zu den kupfernen Gipfeln der Ardeche — seit da-^ a ls ist die Begierde nicht aus der Luft gegangen und die dort Tränen
er Freude weinten, sollen es nimmer nimmer vergeblich getan haben.-------
Weichheit also Menschlichkeit! Wenn das Verlangen in den Herzen lebtlc h in Lachen und Tränen zu finden, was macht es dann, ob Ungleich-eit von Gütern und Ländern es eine Zeitlang unmöglich macht. Das
463