Druckschrift 
Stefan George und die Blaetter fuer die Kunst : dt. Geistesgeschichte seit 1890
Entstehung
Seite
453
Einzelbild herunterladen
 

ihnen folgenden beiden Dichtern ausgeprägt worden. Die Gedichte desersterenFlandern" undBelgische Städte" scheinen aus der Vereinigungdes Dichter- und Malerauges geboren und erfassen die alte niederdeutscheLandschaft am jahrhundertlang umkämpften Meeresstrand in ihrer ganzenschwermütigen Verlassenheit und inneren Erstarrung, in ihrer natür-lichen Üppigkeit und menschlichen Jugendlosigkeit, die schlimmer ist alsdie Zertrümmerung durch Geschoß und Brand. Die Städte sind als male-risch-bauliche Gebilde hingezaubert, die welkes Leben und kriegerischesPeuer doppelt verführerisch aufleuchten lassen, und der Dichter hat diesemdämonisch bunten Dasein einen Reichtum von abgestuften Farben, schim-mernden Tönen und feinen Lichtern gegeben, wie unsere Dichtung siebisher noch nicht kannte, und wie sie die neuesten Maler gern erzielenSollten, und ach so wenig erreichten. Aber was diesen fehlte, um denMalerischen Reizen die zwingende Form zu geben, besitzt der Dichter inv °llstem Maße: die aktive zugreifende Kraft, welche der Natur das gei-zige Gesetz einpflanzt, das Land mit menschlicher Seele tränkt und hierlr » Flandern an den jugendlichen Sendung denkt, der einst diesen toten^Uen das Herz zurückschenken wird. Der andre Dichter, dessen Gedichteerr » tiefer schwermütiger Unterton bei voller Helle, eine leibhafte Rund-heit der Erscheinungen bei fast antiker Sparsamkeit des Aufwandes kenn-2e ichnet, der die glühendsten Dinge auf einfachste Art zu sagen weiß," a t uns unter seinen wenigen Gedichten in den beidenSüdensuchern" und"Heimat" so körperlich klare Bilder von Mensch und Landschaft ge-Sc henkt, wie sie zuletzt in den ganz späten Versuchen Hölderlins auf-wehten. Mit den schlichtesten Mitteln ist hier der Mensch wieder in das° r tliche seines Ursprungs gestellt. Unvergleichlich vor allem ist die sinn-,c he Greifbarkeit Schwabens, seiner Hügel und Gärten und Türme, seiner°ten und lebenden Söhne, und hier einmal ist es erlaubt vom ErdgeruchIr *es Gedichtes zu reden, aus dem der Boden der Heimat dampft und dieü ft mit jenem unfaßlichen Etwas berauscht, aus dem noch der Mann denrau m der Kindheit spürt.

Beiden Dichtern ist, wie wir schon bei ihrer Vergleichung in der zehnten°lge sahen, auch die reichste Darstellung des Jugendlichen eigen. In derr undstimmung des zweiten bemerken wir eine mehr absteigende Kurve . .Ie Gedichte des ersten haben trotz der tiefen Trauer, die seine Grab-dichte durchzittert, eine mehr aufsteigende Kurve. Aber beider Stimmer hebt sich am Ende zum Triumph.°iese Gewißheit das Reich des Dichters unerschüttert wiederzufindenn ^ es mitten unter den Trümmern der Niederlage und dem Wirrsal einers den Fugen geratenen Welt nur schöner und fester wachsen zu

453