Am 12. Juli 1868 wurde dem Landwirt Stefan George II in Büdesheimals zweites Kind ein Sohn geboren: Stefan George, der dritte des Namens,der Dichter. Seine Mutter Eva, geborene Schmitt, stammte von dem GuteNeumühle zwischen Bingen und Büdesheim. Da der Großvater nur einenSohn hatte, des Großvaters Bruder keinen männlichen Erben hinterließ unddie Geschwister des Dichters ledig geblieben sind, stirbt mit ihm der Man-nesstamm aus.
Zwischen Obstgärten, fruchtbaren Äckern und Weinbergen verlebteGeorge das erste Jahrfünft seiner Kindheit, doch entbehrte die dörflicheUmgebung nicht ganz des Zusammenhanges mit der weiteren Welt. Vieler-lei Erinnerungen wiesen auf Frankreich, den Kamin im Wohnzimmer desschönen, geräumigen, bäuerlichen Gutshauses schmückte ein StandbildNapoleons; einer der Oheime hatte in seinen Mußestunden den Telemachdes Fenelon übersetzt, ein anderer war bis Wien gereist und wußte denKindern viel von seinen Fahrten zu erzählen. Im Jahre 1873 gaben die El-tern das Anwesen in Büdesheim auf und zogen nach Bingen. So gering derWechsel der Umgebung scheinbar war, so wurde er doch für den offenenSinn des Knaben von größter Bedeutung. Statt des Dorfes umgab ihn eineStadt von tausendjähriger Erinnerung: man kannte hier die Orte, wo dieRömer die Gallier geschlagen, wo Heinrich V. seinen Vater gefangenge-nommen, wo die Mordbrenner Ludwigs XIV. gewütet hatten. Trümmerund Werke aus jenen Zeiten standen noch: die Drususbrücke, über welchezwei alte Römerstraßen nach Westen und Norden führten, die eine überden Hunsrück nach Trier, die andere an den Ufern entlang nach Köln,die Burg Klopp auf den Grundmauern eines römischen Kastells, zwei go-tische Kirchen aus dem mittleren Alter und die Rochuskapelle über derStadt mit einem von Goethe gestifteten Bildwerk. Diese alten Bauten undMauern, von Legenden und Sagen umwittert, stehen in einer Landschaftvon unvergleichlichem Reiz: es ist zugleich die heiterste und gefahrvollsteStelle des Rheines; der Strom nimmt hier seinen Lauf nach Norden wiederauf, stößt aufbrausend durch den schroffen, grauen Felsenstoß, der das Talverriegelt, und scheint dem nächtlichen Beschauer an der steinernen Wandim Abgrund zu versinken. Aber vor den Strudeln und Schnellen dehnt ersich weit zwischen heiteren Hügeln, Orte von gutem Klang reihen sichdicht an seinen Ufern, die winkligen Gevierte der Weingärten schiebensich über ihnen von Fläche zu Fläche bis zu den waldigen Kuppen, die Som-mersonne brütet heißer in diesem Tal als irgendsonst im deutschen Land,und die edelsten Weine der Erde gedeihen hier. Am Knie des Rheines, wodie Nahe sich vor der Enge in den Strom ergießt, liegt Bingen, einst einebedeutende freie Reichsstadt, damals eine kleinbürgerliche Stadt, in der8