ERSTES BUCH
DIE WANDERSCHAFT
i. KAPITEL: HERKUNFT • KINDHEIT UNDKNABENALTER
STEFAN GEORGE entstammt einem deutschen Geschlecht. Seine Vor-fahren saßen in Rupeldingen einem Dorfe nordwestlich von Bolchen inOberlothringen. Das Dorf liegt an der Nied, einem Nebenfluß der Saar, undblieb seit der Besiedlung so fest im deutschen Sprachbereiche, daß bis zumWeltkrieg nur zwei französische Worte in der Umgangssprache seiner Be-wohner üblich waren. Als um die Wende des 18. und 19. Jahrhunderts Na-poleon die letzten staatlichen Bänder zwischen Deutschland und Oberloth-ringen zerriß — seine Großen hatten bis zum Luneviller Frieden (1801)noch Sitz und Stimme auf den deutschen Reichs- und Kreistagen —, als diedeutsche Herrschaft zum ersten Male seit tausend Jahren in diesem Ge-biet für sieben Jahrzehnte völlig erlosch, verließ Johann Baptist Georgedas Land seiner Väter und wanderte nach Büdesheim bei Bingen am Rhein.Er erwarb dort Grundbesitz, und da er selbst keine Nachkommen hatte,ließ er die Söhne seines Bruders aus Rupeldingen zu sich kommen: seinenspäteren Erben, Stefan George I, den bekannten hessischen Landtagsab-geordneten, der später Pate des Dichters wurde, und Anton George, denGroßvater des Dichters. Beide traten aus dem französischen Staatsverbandeaus und wurden hessische Bürger. Obwohl also die Vorfahren des Dichterseine Weile im französischen Staatsverbande lebten, waren sie so wenigfranzösischer Abkunft, wie andre in Lothringen oder zur NapoleonischenZeit auf dem linken Rheinufer wohnende Deutsche: ihre Muttersprachewar deutsch, und sie gingen tiefer ins deutsche Land, als ihre Heimat Loth-ringen ganz an Frankreich fiel. Der Großvater, der als französischer Cara-binier unter Carl X. seinen Dienst tat und die Juli-Revolution in Paris mit-machte, lernte doch das Französische erst in der Lehrlings- und Militär-zeit. Wie die männlichen, so kommen auch alle weiblichen Mitglieder desGeschlechtes aus dem urkatholischen, mittelbegüterten Grundeigentum,und nach den Erinnerungen der Familie trugen auch alle lothringischenAhnmütter deutsche Namen. Die Erzählungen von der keltischen oder wal-lonischen Abkunft Georges, von dem Tropfen fremden Blutes in seinenAdern, beruhen auf freier Erfindung.