Druckschrift 
Stefan George und die Blaetter fuer die Kunst : dt. Geistesgeschichte seit 1890
Entstehung
Seite
400
Einzelbild herunterladen
 

vollziehen mag, der Gesang des Dichters ist die Form die ihnen allen zu-grunde liegt, der rhythmischen Rede wie dem Psalm, dem Weisheits-spruch wie dem Gleichnis. Wo der im Blut geborene Sinn des Weltlebensdurch den Geist zu Bild und Klang wird, offenbart sich nur am reinstendie unerklärliche Urkraft, die alle dunklen vorgedanklichen Spannungenin greifbare kristallische Gebilde umsetzt, offenbart sich am sichtbarstendie Vergegenwärtigung der heiligen Erinnerung und das Opfer des einenin vielen Leibern. Jeden Helden und Heiland umwittert diese geheimniS'volle Kraft des Gesanges und im Urdichter, der beide in sich befaßt, stellsich diese ewige Formkraft des Geistes aus dem Blute am hellsten dar-was er singt ist Gesang des Gottes durch seinen Mund.

So verstehen wir, und andre mögen andres verstehen, die Gottsuche d eMeisters auf seinem Wege von Jugend auf: Sehnen und Gestaltung, Schaund Wirken zugleich, eigner tönender Sang und lockender Ruf nach jenen»die ihn hören und tragen sollen und unter deren Lob und Preis er docsein letztes Geheimnis wahrt. Niemals noch als da er zu singen begann»war solche Zeitenstunde, niemals die Welt so entleert vom Wissen um i"Geheimnis, noch der Mensch so matt im Glauben an seinen Ursprung-Eben darum war der gesandt, der die Keimkraft des Geistes am lebendigsten in sich trug, daß sein Ruf aus der tiefsten Not, aus der Qual aU e 'die der eine trug, von den unendlich fernen Sternen die Antwort erzwingdarum war er so bewehrt, daß er die Antwort, furchtbar und herrlich zgleich, auf jeder Staffel seines Weges ertrüge und auch dann nicht fiel, asie ihr Höchstes gab: sich selber leibgeworden zeigte und den schon uD ^Zeit und Volk erhobenen zumersten Diener" kürte. Da er das volle L JJauf sich genommen hatte, wurde ihm auch das volle Glück zuteil»Kraft der Duldung verwandelte sich ihm in Kraft der Zeugung: zu Kl*und Bild, wie ihm der früheste Traum befohlen hatte.

So konnte er der Erwecker dessen werden, was unsagbar ist undim Gleichnis und Bild des Mittlers die Erde erfüllt, für die er bestim 1 *ist, in der sein Wort die Leben der Zeit ergreifen und verwandeln mKeiner weiß woher es kommt und keiner umfaßt es ganz mit SpruchNamen, aber nur durch dieses Wort ist in dieser Weltstunde der eWHerd erreichbar. Denn niemals kehrt ein in den Herzen und Geisternstorbenes in gleicher Weise wieder. Das Wort von heute verkündetneuesEinmal", keine unendliche Fortbewegung, in die das christl'Weltbild aufgelöst wurde, als der Glaube an den ersten wie den J usten Tag erlosch: das neue Wort führt zum Reigen der Gestalten und zRing des Geschehens, der sich im Selbst der seienden Dinge besc nl1 sAn das Geheimnis der einmaligen Menschwerdung des Gottessohnes,

400

all«