Druckschrift 
Stefan George und die Blaetter fuer die Kunst : dt. Geistesgeschichte seit 1890
Entstehung
Seite
304
Einzelbild herunterladen
 

der Erde der Völker der Körper und Körperschaften, in seiner ganzenungeheueren Gegenwärtigkeit: das Mitgeborene und doch Fremdeste, seineHeimat, sein Volk, sein Blut, das Nächste und doch das Fernste undFeindlichste. War dort überhaupt ein Verwandtes, ein Wandlungsfähiges>ein formbarer Stoff für den Dichter? Gab es um das scheinbar Schlich-teste und doch Schwierigste zu nennen auch nur den Namen eine 5Menschen oder eines Ortes, der im Gedicht genannt werden konnte? E r 'trug selbst das Wortdeutsch" oder eine seiner Zusammensetzungen denneuen Ton? Und wenn das nicht war was galt erst von den Einrieb'tungen Gesetzen und Sitten von den höchsten des Staates und der KU"chen bis zu den tausend Verrichtungen des Volkes und seiner Verbände-kurz von all dem was wir dieZeit" zu nennen pflegen? War in ihr auchnur ein Hauch der eignen Welt der hätte Antwort geben können? ß sschien kein Weg zu den Lebensformen dieser Zeit, kein Bund mit ihremMenschtum für den Dichter möglich. Eine grauenhafte Kluft, wie nochkein Dichter sie erlebte, trennte sie von seiner Stimme. Alle großen Seherund Dichter, die wir kennen, standen mit ihrem Wort und Werk in ihre fZeit, ihrer Menschengemeinschaft, auch wenn sie sie geißelten wie Cht 1 'stus oder Dante. Der Glaube an ein Göttliches, auch wenn die Götter sichbekämpfen, umschloß sie, ein Wissen um die ewigen Mächte des Lebenin uns und um uns gab der liebenden wie zürnenden Stimme Raum urtWiderhall. Jetzt aber waren Erde und Himmel entgöttert, die Bänder deheiligen Gemeinschaft zerrissen, schon unter Goethes verhüllenden Händeklaffte der Abgrund und die hinübergreifen wollten, erfuhren solche Ei fl 'samkeit, daß der Wahnsinn sie schlug. Die sich nicht vor verblaßten B"'dem trösteten oder sich treiben ließen, taten mit verbissenem Ingrifl 1111schweigend ihr Tagewerk und die kühlsten Herzen begnügten sich ernSund freudlos mit Stoff und Zahl. Gegen die Öde und Häßlichkeit de»Daseins wurde die steigende Vervollkommnung der sachlichen Mittel aU*'gerechnet, die wachsenden Seelennöte mit dieser oder jener Allbeglückunfder Zukunft verdeckt und ein schaler Glaube an das kleine Glück drohjede höheren Regungen zu ersticken. In den Seelen der Weisen und Dichter aber, den zartesten Anzeigern der Not des Geistes stieg, wie ^ lzeigten, seit der Romantik der Nachtgedanke und die Schatten wüchseDas Endgrauen eines Menschheitalters, bald allen sichtbar, färbte ih rTöne dunkler und auch das neue Strahlen das in George aufbrach, war >stetem Kampf gegen die innere Welteinsamkeit errungen. Als ob er s» cgegen den Druck des Dunkels aufstemmte, hob am Ende jedes Gediehkreises der Streiter die Fackel noch einmal hoch und nur im letzten Wei*neigte auch seine Leier sich stärker zu Tiefe und Tod.

304