Druckschrift 
Stefan George und die Blaetter fuer die Kunst : dt. Geistesgeschichte seit 1890
Entstehung
Seite
256
Einzelbild herunterladen
 

götterlose Aufklärer verworfen, verworfen auch ihre Tempelwerke, die z urational, wie bald auch die Pyramiden der Ägypter, die schon zu süßlichwaren bis als würdiger Ausdruck kosmischen Ursinns nur mehr übrig-blieb das phallische oder besser das Kteis-Steinbild irgendeiner grauen Ur-zeit, des pelasgischen Alters. Vor anderthalb Jahrhunderten war derkalvinische Genfer Rousseau sich seiner Vorstellung vom Urvolk als einesGedachten bewußt geblieben und hatte auf diesem fiktiven Abwehr-punkte gegen die Zustände seiner Zeit den scharfen Aufriß seiner Staats-lehre gegründet. Der deutsche Lutheraner ging in die reine Erkenntnisüber und hat später sein pelasgisches Alter als einGewesenes", seineAhnenseelen alsVergangenheitsseelen" verflüchtigt. Damals aber glaubteer an die Wirklichkeit der Urbarbarei und sog aus diesem Glauben di eÜberzeugung eines tieferen Wissens von den Geheimnissen der Welt, alser es im Dichter sah. Wie er bei Wolfskehl orientalische, bei Schuler ita-lische Substanzen lebendig wußte, so fühlte er nun in seinem Blute nochein Urstoffliches der nordischen Vorzeit verfangen, das ihn befähigte-tiefer als diejüngere" Seele des Dichters in die Bedingnisse des Lebensvor den Bildungswelten einzudringen, durch die Mauerringe der Zeitenund Kulturen hindurch in den Grund des unbelasteten Ehmals zu schauenund die gewaltigen Kräfte des unverbildeten Lebens, des allvermischendenEros zu erahnen. Klages wußte wohl, daß diese Kräfte nicht nur w a r e n >sondern immer sind und in göttlichen Geburten erscheinen können, da«Seele wie Sonne an jedem Tage neuerstehen. Aber da er die gegenwärtigenUrkräfte nicht besaß, sondern nur darum w u ß t e , so verfiel er dem grau-samen Irrtum des Spätlings und Romantikers, der den Ursprung mit Vor-zeit, den ewigen Mutterschoß des Lebens mit dem in den Schoß zurück-gesunkenen Ehmals verwechselt und das Wissen um dunkle Zusammen-hänge höher achtet als die weltumschaffende Kraft, die neben ihm geht-Von seinem Wissen her glaubte Klages den überschauenden Blick für dasWerk Georges gewonnen zu haben, über das er jetzt schon nur, wie seinneuer Hochmut sagte, mit Selbsteinschränkung und Zurückdrängunghöherer Lebenswerte schreiben konnte auf deren Offenbarung wir übri-gens bis heute noch vergebens warten. Je sorgfältiger man die eigentüm-liche Schrift über George liest, um so deutlicher erkennt man, daß afl ewesentlichen Anschauungen über Welt und Kunst, Eros und Sexus»Rhythmus und Metron, Liebe der Nähe und der Ferne, ja auch seine zen-trale Schau über die Wirklichkeit der Bilder unmittelbar aus den Dich-' tungen und Merksprüchen Georges hervorgegangen sind und daß nur jen eunhaltbare Polarität von Seele und Geist, aus der Übersteigerung Bach-ofens entstanden, das Gut des Schreibers ist. Von dieser Polarität aus

256