digte. Paul Gerardy, Waclaw Lieder und Leopold Andrian sind nocheinmal mit einigen Gedichten aufgenommen, deren müde Traurigkeit selt-sam absticht gegen die leidenschaftlich bebenden Rhythmen, welche in-zwischen im innerdeutschen Räume entstanden waren: ihre Gedichte sindnoch immer schön, aber in den meisten singt nur Trauer und Müdigkeitsterbender Seelen. Wie eine Ahnung mehr als persönlichen Untergangsist das Bild des wehrlosen Byzanz, das Gerardy in seinem Gedicht „DasEnde der Runde" gemalt hat, es kündete einen Zustand der Geister undStaaten an, dem heute alle versagenden und erschlafften, friedens- undsicherheitshungrigen Triebe der Völker diesseit und jenseit der Meere zu-streben. Von den Liedern Wolfskehls endlich werden wir sogleich inanderem Zusammenhang handeln.
6. KAPITEL: DIE KOSMIKER IN MÜNCHEN
DAS jüngste Dasein wurzelt im ältesten, darum sucht der jüngste Ge-danke seine Rechtfertigung in der ältesten Zeit. Die deutsche Seelewar damals willens, wieder mit Leib und Wachstum vermählt und vonder Zwiespältigkeit des Stofflichen und Beseelten, des Diesseitigen undJenseitigen befreit zu werden. Da wurde über einen mehrtausendjährigenZeitraum hin eine frühere menschliche Daseinsform dem geschichtlich g e "schulten Auge sichtbar: ein fernes Verlorenes, die wahre Natur des Men-schen, der tiefste Grund des religiösen Erlebens, die Urreligion bot sicherstaunten Blicken dar und die wenigen, welche dies zu sehen glaubten,überkam ein wilder Rausch abzutun was bisher war und ringsum webte,sich hinabzustürzen zur Ursprungsquelle und sie wieder ins Leben hinaut-zureißen, auf daß die Völker sich in ihr erneuerten. Es schien kein Zwei-fel, daß die Zeit zum Untergang reif sei: wozu und worauf also warten,da der Blick in den mütterlichen Schlund getan war, aus dem die Ge-walten des Aufbruches quellen mußten? Es galt nur die Kräfte zu ballenund das Ungeheuerste geschah ... So begann der Kosmikertaumel xnMünchen, von dem wir nun zu erzählen haben.
Wir sahen schon bei der Darstellung des JAHRHUNDERTS GOETHES,daß der Vorgang der Sichtbarwerdung vorzeitlicher oder zeitloser Urwelkein plötzlicher war sondern allmählich in den Dichtern deutlicher wurdeund ein Gleiches ist jüngst für die deutschen Denker zwischen Winckel-mann und Nietzsche nachgewiesen worden. Doch fast all diesen Dichternund Denkern ist gemeinsam, daß sie in ihren Gedichten und Gedankenunbewußte Zeichen dieses Vorgangs gaben, aber nicht selbst bewußt e240