Die russische Seele schwankt für unser Gefühl in unvereinbaren Gegen-polen: sie wechselt leicht von trotzigstem Übermut zu weichster Hingabeund wieder von brennendem Schmerz zu kalter Grausamkeit, sie ist Vam-pyr und auch Vampyropfer, saugt andre quälend aus und läßt sich ebensogern gequält von anderen aussaugen, sie taumelt vom Hochgefühl desStolzes in einem Augenblick in wehes schmelzendes Mitleid, ja gleitet— für uns ein scheußlicher Anblick — von herrischer Höhe so tief in dieeigne Hingegossenheit hinab, daß sie mit dem Untersten im Wollustrauschder Selbsterniedrigung selig verschmelzen kann.
Heiseler war von Geblüt ein Deutscher, aber er verlebte die emp-fänglichsten Jahre der Jugend in Rußland. So nimmt nicht wunder, wennwir in seinen Gedichten in den Blätterfolgen — und mehr noch in sonstveröffentlichten Dramen und Geschichten — einen Hauch von jener selt-sam schwankenden Seelenlage finden, deren Sinnbilder das endlose Meer,die weite Steppe und die wehende Birke sind. Aus fernen Räumen tauchenTodgesichte schauernd auf: Schicksallose aber vom Blutrausch gepeitschteGeister. Selbst wo antike Bilder die Gleichnisse tragen, ist es für uns, alsklänge ein fremderer Ton darin als der von den Ufern des JonischenMeeres bekannte: wilder aber auch ungeformter, weicher aber auch dü-strer, ein Hall, der über das Schwarze Meer und die schwarze Erde nachNorden zog. Da Heiseler ein Deutscher und Schüler Georges war, sowurden freilich diese fremden Schauer von den sicheren Formen der neuenSprache aufgefangen. Wie sein dämmerndes Lebensgefühl einen Halt sohaben hier seine weichen schwermütigen Rhythmen eine feste Führunggefunden. Seine dichterischen Eigenmittel waren nicht groß aber sie g e 'wannen in dieser Verbindung einen schmeichlerischen Wohllaut, der inden chorischen Gesängen der sechsten Folge an das Raunen und RauschenSwinburnscher Lieder erinnert: ein Zeichen, daß auch diese östlichsteSeele in den großen niederdeutschen Zug von England bis zu den Bal-tischen Marken eingebettet lag.
Waren aus diesen östlichen Marken nicht vor anderthalb Jahrhunder-ten im „Sturm und Drang" die Erreger und Allmischer gekommen: Ha'mann, Herder, Lenz, Hippel? Und hatten sie nicht vom äußersten west-lichen Flügel den Geisterfürsten der britischen Inseln nach Deutschlandgebracht? Nicht als den Sprachgestalter und Dichter strenger Formen»sondern als Mischer aller Kräfte und Säfte, als naturwüchsige Macht,als Sturmwind, in dessen Atemstößen die schicksaltrunknen Seelen seinerMenschen trieben? Die deutsche Mitte hatte durch Goethe die Stürme vonbeiden Enden aufgenommen und unter ihrer Befruchtung ein solchesWunder an Saaten geboren, daß wieder bis in die fernsten Stämme ein
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