Bei C. F. Meyer vollends, dem in noch südlicherer Landschaft gebore-nen, dem Liebhaber Italiens und der Maler der italienischen Wiedergeburtist die Helle und Weite des südlichen Lichtes ganz in unsere Dichter-sprache eingegangen. Dieser letzte unmittelbare Erbe Goethes ist zugleichder erste deutliche Vorklang der neuen Dichtung Georges. So tiefe Schat-ten, so satte Farben und helle Scheine konnten nur die von der großenNatur geweckten, von der ewig jungen Erde und der ewig jungen Sonnebezauberten Augen unter südlichem Himmel erfassen wo in heißer Glutdie purpurne Veltliner Traube kocht und die lichtatmende Luft den Tö-nungen aller Dinge ein erhöhtes Leben gibt. Vergessen wir dabei nicht,daß neben ihm der augenhafteste Mensch der Zeit, Arnold Böcklin, dengleichen ja vielleicht tieferen Blick in die neue Sinnenwelt tat als selbstdie Dichter: auch er zum Jahrhundert des Olympiers gehörig und ohneihn nicht denkbar, aber ein selbstschöpferischer Geist, dessen urwüchsigeGestalten schon aus verwandelter Welt kamen und für die Augen Goetheswie Jean Pauls nicht erträglich gewesen wären. Dieses dumpfe tierhafteDämmern, trauernde Schweigen und helle Gelächter der elementaren Ge-schöpfe und vor allem das tiefe beglückende Wunder von Licht undFarbe, das Land und Meer uhd Himmel durchglühte, lag schon fernabvon allen klassischen und romantischen Zwischenschichten, von Augendie etwa Raffael Mengs oder Thorwaldsen den Werken der Antike undRenaissance oder die Nazarener mit einem Giotto und Angelico gleich-werten konnten. In Böcklin offenbarte sich ein heidnisches Freiwerdenvon antikisierenden wie christlichen Uberlieferungsformen, ein Hinab-tauchen in eine sinnlich tiefere Schicht des Lebens und wie der großeDichter den Maler, hat der Maler wieder die Dichter mit schönen Träu-men befruchtet.
So waren am Ende des Jahrhunderts Goethes zu dessen Reichtum neueKlanghöhen und Farbentiefen für unsere Sprache gewonnen worden undwährend auf einer absteigenden Linie seine Schätze verdünnt und ver-schlissen wurden, mehrten die fruchtbaren Geister unser Gut und weiseneine geheime Wandlung unserer Fühl- und Sehweise auf, die schon » nGeorges ersten Werken ihre volle dichterische Entfaltung und Sichtbar-keit gewann. Dieser Vorklänge wurde der Dichter sich erst mit der Sich-tung von Jean Paul bewußt. Aber die frühen Hinweise in den Blätternauf Goethe, Hölderlin, Platen und Böcklin deuteten schon an, was er >°der DEUTSCHEN DICHTUNG als schönstes Vermächtnis der Vergangen-heit anerkannte und in neues Licht erhob. Auch die schrifttumkundigenGefährten waren überrascht, wie sehr die Auswahl Altbekanntes verwan-delte, Unbekanntes erscheinen ließ. Während in dem „Stundenbuch" — de f226