seiner Darstellung: die Steigerung der Wirklichkeit durch die Aufhebungaller Gewichte und Entfernungen.
Um die eigene übermächtige Erdschwere zu überwinden bedarf JeanPaul der Flugkraft der Entrückung, um der winkelhaften Enge seines Da-seins zu entrinnen der leichtesten Schwebung zwischen Höhen und Tiefen.Nur in höchster Trunkenheit vermag er sich über den Zwiespalt seinerNatur und die Widersprüche des Tatsächlichen zu erheben, ganz Eins undEiner zu sein: nicht Schilderer noch Verneiner, nicht Spötter noch Humo-rist, nicht Phantast noch Kleinmaler, sondern traumbegeisterter undsprachmächtiger Dichter. Nur im kühnsten Auffiug vermag er den stören-den Einbruch seiner Einfälle und Schnurren, Zweifel und Zerpflückungenabzuwehren und — bevor ihn das Schwergewicht seines Alltags wiederhinabzieht — sein Schönstes in einem Gewitter von Klängen, einem Nord-licht von Farbenwundern vor uns hinzuzaubern. Dann ist sein Festtag undalles Leiseste Innerste wird in Beziehung zum Größten, zu All und Gott,alles Zarteste in Beziehung zu den höchsten Gewalten, alles Leid und alleWonne des Herzens in Beziehung zu den großen Gedanken und Ideen derMenschheit gebracht: Blick und Kuß der Liebenden falten sich zu Weltenauf, und kreisende Sonnengürtel und Sternstürme falten sich zu Blüten inden Fingern der Geliebten. So wirbelt er die Elemente und Wesen desWeltgefüges in- und durcheinander, um ein menschliches Empfinden großgenug sagbar zu machen, so schüttet er die Farbenklüfte der Himmel zurDurchleuchtung aller Tiefen und Finsternisse aus, um die Gewalt eineseinzigen Augenblicks der Entzückung auszudrücken und steigert wieder-um die Wucht eines einzigen Schmerzes, um mit seinen aufgetürmtenSchatten die Freuden von Jahrtausenden zu erdrücken und die strahlendenLichter der Unendlichkeiten auszulöschen. Mit einem einzigen starkenFlügelschlag steht er auf den höchsten Planen der Geister, mit einem jähenSturz stößt er durch die einbrechenden Gräber der Toten. Das Eis der Pol eund die Glut der Wüsten genügen ihm nicht um die Kälte der Verachtungund die Wut der Leidenschaft zu benennen, der Schmelz der Blumenund der Schimmer des Mondlichts sind nicht zart genug, um die leisestenRegungen des Herzens zu spiegeln: aber in allen Stufen ihrer Entgegen-setzung verbildlicht er seine Garten- und Menschenträume.
In diesen feierlichen Aufschwüngen und alles Verstandesmäßige weitüberfliegenden Eingebungen seiner Dichterseele, in denen sein witzelndesund vernünftelndes Ich schweigt, vermochte Jean Paul bisher unausdrück-bare Sphären für unsere Sprache zu gewinnen, hat er unendlich viel vondem früheren keuschen Verhältnis unserer Seele zu Mensch und Stern undBlume aufbewahrt, hat er zugleich als Erster die bunte, erregende Spiege-
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