Werke ist auch taktisch so aufzufassen daß sie sich den damaligen sehrhäufigen Goethe-Auslesen entgegensetzte, die durchaus das Leichtflüssigevorzogen als eine Art Rechtfertigung der zeitüblichen völlig gewichtlosenVersmache. Goethe war in den etwa hundert ausgewählten Gedichten soWenig völlig zu umfassen wie in der doppelten Zahl, aber George undWolfskehl erhoben in der Vorrede den Anspruch das gewählt zu habenWas ihnen die tiefsten Lebensgluten des Dichters in der schönsten Bändi-gung zu enthalten schien: seine eigensten und wesentlichsten Gebilde, die^gleich den Grundstoff aller seiner breiteren Schöpfungen bergen. Sieuahmen aus dem gewaltigen Werke des Olympiers in knappster Zusamm-enfassung die Elemente, welche den eigentlichen dichterischen Schauerdes Beginnes oder der Höhe einer künstlerischen Lebenserregung habenUr id hoben die Gedichte heraus, welche den betreffenden Ton der vonGoethe selbst gebildeten Gruppen am einheitlichsten wiedergeben. So ent-band ein Bild des Sprachgewaltigen in all seinen dichterischen Regungen,au seinen Früh- und Reifezeiten, das durch Geschlossenheit und Klarheitde n Reichtum seiner Vielfalt nicht vermissen läßt. Denn hier haucht unsder Atem Goethes am glühendsten an: das unmittelbare WortwerdenSe uies Gefühls, als ob der Pulsschlag seines erregten Herzens sich ohneUrnweg in rhythmische Laute verwandle, die Deutlichkeit seiner BilderUnd Gleichnisse und die Klarheit seiner Räume, die Helle seiner Ge-dankensichten, die sich in klaren Arabesken um ein Gegebenes schlingen,^ er tiefe in der Jugend berauschte im Alter feste Blick auf die Dinge derNatur und ihre wundersame Einfügung in die Ordnungen seines GeistesUn d die ganze strebende Bewegung seines großen Lebens, die keine Lei-denschaft befriedigt und keine Weisheit einschläfert, die immer nur in''lern ihren ruhenden Gegenpol, ihre Selbstdarstellung findet: imschöpferischen Gebilde, im Gedicht.
Neben Goethe steht nicht sein Freund und Schüler Schiller, sondernSei n ergänzender Gegensatz Jean Paul, den gerade die Höhe der Goethi-Sc nen Meisterschaft davor bewahrte, sich an der ihm versagten Form desGedichtes zu versuchen und der dennoch den Weg fand, seiner gewaltigenPrachkraft eine Form zu geben, die neben der großen Dichtung bestehenUnd die Zeit überdauern konnte. Daß er selbst sich dessen bewußt war,Wl e die Bemerkungen über den Prosaisten und seine „Begeisterung-Stellen" (in der Vorschule der Ästhetik) zeigen, und sich in vielem alsVollender der im „Sturm und Drang" aufgebrochenen Kräfte Herders unddes jungen Goethe sah, gab ihm die Kraft auch neben dem klassischenGenius auszuharren. Er konnte sein besonderes Verhältnis zu MenschUnd Ding, Natur und Volk in einem eigentümlich deutschen Sinne be-
213