zugeben wagt. Und nicht, wie etwa bei Hölderlin, sind es die überschweng-lichen Augenblicke einer im Weltwehen leicht mitzitternden Seele — son-dern bei fast phantasieloser Triebstrenge des Erlebens scheint der Dichtervöllig der unzerteilbaren Sphäre einer erhabenen Notwendigkeit anzu-gehören. Man kann sie beschreiben — nicht verstehen". (Der Lotse Dez.1901.) Es ist die gleiche unfaßliche Fähigkeit, welche Simmel meint: dieganz allgemeine Form unserer höchsten Wertpotenzen unter einem sinn-lichen Bilde erscheinen zu lassen: „Der Engel ist der Sinn, den das Lebenin sich und zugleich die Norm, die es über sich hat. Nach Goethe weißich keine Dichtung, in der ein so völlig Allgemeines, durch keine Einzel-bestimmung festzulegendes, wie der Engel, so künstlerisch anschaulich, in
der das Ungreifbare doch so fühlbar gemacht wäre--------Durch welche
Eigentümlichkeit der Zusammenordnung, der innerpsychischen Akustik,der Verflechtung zwischen logischem Inhalt und Versbau ihm dies ge-lingt, kann keine Analyse feststellen. Es ist aber als ob die Worte undGedanken, Reime und Rhythmen hier erst zu ihrem eigenen Rechte kämen,als gehörten die inneren Bewegungen in uns zu ihrem eigenen Wesenals dessen sachliche Konsequenz".
Das zweite Erstaunen betraf die ungeheure Wirklichkeit, welche dasneue Werk umgriff: daß alle Irrtümer und Entdeckungen, die ein ganzesJahrhundert an seinem Leibe gemacht hatte, ihren Saft, ihr frisches Blutin diese Kunst hatten gießen und zum Aufbau ihrer lebendigen Schönheitdienen müssen, ja daß anderthalb Jahrtausende vom frühesten rätselhaftenHeidentum bis zu den entsagenden Gluten des Christentums, vom uraltenVolksbrauch bis zum launenhaften Spiel des galanten Rokokoadels sichhier dem Zwange einer hieratischen festlichen Sprache fügen und Glutund Haß, Inbrunst und Entrücktheit der vergangenen Geschlechter anihrem Licht erglühen mußten. Diese ganze leidenschafterfüllte Wirklich"keit war heraufgehoben ohne romantischen Historismus ohne den Will* 11zur Wiederbelebung gewesener Zeitalter und ohne die Nachahmung alterFormen. Sie war ganz Gegenwart, ganz unser Tag, ganz Seele und Gestedes lebenden Dichters, nur ohne die Modetorheiten der Zeitgenossen, ohn*die kränkelnde Blässe der Verfallswilligen und Untergangssüchtigen, 3 avöllig ohne die groben wie verhüllten Lüsternheiten des Geschlechtlichen»zu denen das hohe Liebeserleben Goethes bei seinen Nachfolgern herab-gesunken war, ohne die Tyrannei des naturalistischen Trieblebens, der di*meiste Lyrik des 19. Jahrhunderts — mit der leuchtenden Ausnahm«Hölderlins — anheimgefallen war: als ob nur dieser eine und in seinergröbsten Form! von allen geistigen Lebenswerten, von allen tausend Ma* 1 'nigfaltigkeiten der Seele der künstlerischen Darstellung würdig gewese« 1210