Druckschrift 
Stefan George und die Blaetter fuer die Kunst : dt. Geistesgeschichte seit 1890
Entstehung
Seite
196
Einzelbild herunterladen
 

gels, der lebenergießenden Blumen und der Harfe in der Hand der letztenLeidenschaft". Den Schluß des Buches fängt eine in Rosen Sternen undWeihrauch schwebende Leier mit zersprungener Saite auf, den Beginnbildet mit zwei aufflammenden Leuchtern und der durch Stern und Wolkeherabschießenden Taube des Geistes der Gesamttitel von kräftigen schönenGroßbuchstaben in Schwarz und Rot. Dem starken moosgrünen Leinen-einband ist der gleiche Titel noch einmal in abgetöntem Blau eingepreßt.Als Druckschrift war eine fette Antiqua gewählt und große Sorgfalt aufdie Sattheit der Farben gelegt worden.

Das Buch machte auf die Zeitgenossen mochten sie widersprechenoder zustimmen einen außerordentlichen Eindruck und bis heute kannsich ihm kein neues deutsches Buch an Großheit und Geschlossenheit ver-gleichen. Denn nicht aus irgendeinem Zufälligen sondern aus einer tiefenErgriffenheit durch das Werk und einer großen Verehrung seines Dichterswar das Buch unter Lechters Händen gediehen und spiegelte in seinenFormen die erschütternden Gesichte wieder, welche die Gedichte desFreundes in ihm ausgelöst hatten. In Lechters Schmuck war die alteIllustration" so gut wie die neueReklame" in der Buchausstattung über-wunden, war aus geistiger Beglückung und menschlicher Dankbarkeit eineeinmalige und so nicht wiederholbare aber fruchtbar weiterwirkendeGrundart des heiligen Buches geschaffen worden, das jedem freundlichenwie feindlichen Blicke den hohen Anspruch und die Unantastbarkeit seinesInhaltes verkündet.

Es ist das Werk der männlichen Reife und heute noch so schwer betret-bar und durchdringbar wie zur Zeit seines Erscheinens: das Werk dergrößten Zeitferne des Genius, der nicht vom Nächsten und für vielespricht, sondernwie herab vom Äther" redet und das Buch selbst einSiegel nennt, das sich den wenigen nur in seltner Stunde öffnet. Und den-noch scheint sein Inhalt sich auf das Allgemeinste zu beziehen, das alleneigen, allen zugänglich, ja vertraut erscheint: auf das Leben selbst. DasLeben" war besonders seit Nietzsche das gebräuchlichste Schlagwort derZeit geworden: der Stoff aller Dichtung, der Vorwurf aller Staats- und Ge-sellschaftskünste. Aber von dem also gemeinten Leben der Vordergründe,der Nachahmung, des Nutzens, des Genusses, der Regelung und Fürsorgefindet sich bei George nichts, kaum eine Andeutung, daß es in seinenaugenhaften Formen von Markt und Ufer, Spiel- und Kampfplatz als Be-reicherung des künstlerischen Sinnes gewertet ist oder daß es in einerGegensätzlichkeit als Welt der vielen überschaut und diese als fremd ver-wiesen ist, außer in den seltnen Fällen einer großen Schicksals- undSchmerzgemeinschaft mit der Menge. George sah in der Umwelt seiner196