Moderne der Ton gegen das Wort erklang, Musik und Gesang außer-ja gegendichterische Kräfte geworden waren.
Die Dichtung war Jahrhunderte hindurch allmählich ihres öffentlichenAusdrucks beraubt worden, ja das Bedürfnis nach dem gesprochenen Wortals der Erscheinung eines dichterischen Gebildes war im 19. Jahrhundertso erstorben, daß dem Laien nichts fremder und enttäuschender war, alseinen wirklichen Dichter Verse vortragen zu hören, und umgekehrt waralles was der Laie Vortrag nannte, den Dichtern ein Greuel. Die drei Ur-elemente des Rhythmus, Klang Maß und Sinn, waren auseinandergetretenund hatten jedes in der Vereinzelung ihre besondere Vortragsweise ge-funden: der Klang im Musikrausch, das Maß in der von wissenschaftlichenPoetiken und Schulbüchern gelehrten skandierenden Humanisten-Metrik»der Sinn in dem von Schauspielern geübten und im Naturalismus völligverwahrlosten Bedeutungsvortrag. Die Übung eines einheitlichen Her-sagens wurde erst wieder möglich, als im Georgischen Gedicht jene Ur-kräfte eine neue Bindung gewonnen hatten, ihr Gesamtrhythmus eindeutigbestimmt und im Lautgebilde unmittelbar zu finden war. Die strenge Ge-setzlichkeit der Form bei George, wie sie bisher mit solcher Folgerichtig-keit nur in der Musik durchgeführt worden war, gelangte zu einer solchenKlang- Maß- und Sinneinheit, daß wie Simmel es einmal für die Bedeu-tungssphäre der Worte aufwies, alle Nebenbedeutungen eines Wortes, dienicht zur Gesamtlage des Gedichtes gehörten und also die Tonreinheitstören könnten, durch die den Ort des Wortes bestimmenden Klang- undMaßverhältnisse im Gedicht für unser Ohr ausgeschaltet werden. Da sgleiche ließe sich auch für die Klänge, die Zeiten und die Stärke der Ikter»nachweisen, wenn nicht das Beispiel der „Zwymänner" schon die Gefahrenthüllt hätte, daß durch eine solche zerlegende Erkenntnis das lebendig eGebilde aufgelöst aber für die Schönheit der Wiedergabe eines Gedichtesnicht das geringste gewonnen wird. Das Gedicht i s t der gestaltete Rhyth-mus oder Ton und zwar hat die Gesamtdichtung Georges, wie wir früherzeigten, einen getragenen Grundton, einen langausgehaltenen Dauerton,der in jedem einzelnen Gedicht als besonderer Ton aufklingt. Ihn aus derEinheit des Gedichtes mitschwingend zu erfassen und lautwerden zu las-sen, ist die Aufgabe des Hersagens. Die strenge Gesetzlichkeit des Bauesverbürgt, daß er immer wieder erzeugbar ist, aber er ist weder durch einfixiertes Notengesetz noch andre Zeichen festlegbar, sondern nur durch diegleiche Erschütterung der im Lautgebilde gebannten Kräfte vernehmbarund darstellbar. Wie er unserer lebendigen Sprache entsprang, so beruhtsein Lautwerden auch nur in der lebendigen Schwingung unserer Sprach-kräfte in Klang Maß und Sinn.
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