Druckschrift 
Stefan George und die Blaetter fuer die Kunst : dt. Geistesgeschichte seit 1890
Entstehung
Seite
190
Einzelbild herunterladen
 

Griechen und Barbaren, im Mittelalter zwischen Adligen und Nichtadligen,Christen und Heiden, Stufen die auf gesellschaftlicher und geistiger Ab-schließung und Sonderung von Gemeinschaftsgruppen beruhen und nurden Trägern gleicher Artung eine volle Teilhabe an der Dichtung ihrerGemeinschaft ermöglichen. In den neueren Jahrhunderten verlor sich all-mählich das Merkmal der menschlichen Gesamtverpflichtung, das denfrüheren Rängen der Gesellschaft gemeinsam war, und schrumpfte zueinem einseitigen Bildungsunterschied, dem zwischen Gebildeten und Un-gebildeten zusammen. Ja es ist das kennzeichnende Streben dieser Jahr-hunderte bis heute geblieben, überhaupt alle Stufen und Sonderungen auf-zulösen und innerhalb der Völker, ja womöglich der ganzen erdbewohnen-den Menschheit zu einer Ausgleichung und Angleichung der Menschen zukommen, die allen alles zugänglich macht, ein Verfahren, das bekanntlichim 19. und 20. Jahrhundert zur Vermischung, Ausbreitung und Verbreite-rung aller geistigen Güter führte und eine Allgemeine Bildung schuf, dieihre Maße und Ansprüche an menschliche Artung und Haltung immermehr von unten nehmen, immer tiefer herabsetzen mußte, um dem herr-schenden Grundsatz gerecht werden zu können.

Dieser Einebnung aller Lebensgebiete, die zur Verödung des ganzenErdendaseins, zur Auslöschung aller höheren menschlichen Eigenschaftenführt und auch die Menge selbst zum Verlust der höheren geistigen Güterverdammt, die nur von Oberschichten geschaffen und getragen werdenkönnen . . dieser Verflachung der ganzen Bildung stellte George sich in derDichtung entgegen und schuf in seinen Werken das Bild eines Mensch-tums von solchem Anspruch an Adel und Herrschaft, Schönheit undStärke, daß es der Masse seiner Zeitgenossen den Atem des Verständnissesverschlug und sie ihn am liebsten schon am Beginn seiner öffentlichenBahn durch Hohn und Verlächerlichung vernichtet hätten. Aber an diesemPunkt zeigte sich, daß der Dichter auch der Meister war, der im künstle-rischen Raum schon die neue Sonderung vollzogen hatte. Indem er sichselbst den Zeitbedingtheiten entrückte, hatte er zugleich eine Schar vonGefährten um sich gesammelt, einen Kreis von Gleichen erzogen und g e 'wappnet, die ihm folgten und sich auf dem scheinbar kleinen, in Wahrheitwichtigsten Gebiete der dichterischen Erneuerung einer unterscheidendenArtung von der Umwelt bewußt wurden. So lange sie diese in GeorgesGeiste zu behaupten und weiterzubilden die Kraft hatten, waren sie füralle Anwürfe unangreifbar, die ihnen ja noch wüster und gemeiner a' sihrem Führer zuteil wurden. Der Dichter hatte ihre künstlerischen Kräftein eine neue Bahn gelenkt, der Meister hatte sie auch gelehrt, die Gebildeder Dichtung in einer neuen Weise zu singen und zu sagen und so die ur-

190