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Stefan George und die Blaetter fuer die Kunst : dt. Geistesgeschichte seit 1890
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2. KAPITEL: DAS HERSAGEN VON GEDICHTEN

ALS George im Frühjahr 1890 Karl August Klein, mit dem er schonmanche Gedichte gelesen hatte, die ersten HYMNEN vortrug, über-raschte und bezauberte den Freund eine neue Art des Hersagens aus demMunde Georges, die wie er bald erkannte dem inneren Sprachgesetz dieserGedichte entsprang. Seitdem sind alle, die George Gedichte hersagen odervorlesen hörten, von dem gleichen tiefen Eindruck getroffen worden undauch für die mit den Gedichten Vertrauten hob oft von solchem Augen-blick ein neues Wissen an um die Größe und Schönheit einer Welt diedieser Ton verkündete. Die Dichter wie die bildenden Künstler habendieses Hören als besonderes Glück empfunden, als einen unmittelbarenüberzeugenden Aufschluß über das Wesen des Dichters selbst, und werdas erste Hersagen eines neuen Gedichtes erlebte, weiß von der eindringen-den Wucht der Rhythmen, vor allem aber von dem unvergleichlichenWohllaut zu erzählen, der so kaum wiederkehrte: als ob das Erstgeborenedes Gedichtes, die geheime Melodie noch einmal über Maßbewegung undBedeutung mit besonderem Zauber schwebe.

Man kann die Art seines Lesens" berichtet eine der Binger Jugend-freundinnennur mit der Besonderheit seines Schreibens vergleichen. EinLesen mit einer hellen nicht lauten aber sehr eindrucksvollen Stimme, amSchluß niemals diese Stimme senkend sondern ein Weiterklingen Höher-streben ins Unbestimmte hinaus, in andere Regionen".

Die öffentlichen Stimmen, welche unmittelbar nach seinen Vorlesungenin Berlin berichteten, haben wir schon erwähnt. Hier betonten auch dieFremden, daß sie von dieser leisen gleichmäßigen Stimme mit feiner zu-rückhaltender Betonung in einen unentrinnbaren Bann gezogen wurden,daß in ihr die Persönlichkeit an sich ihr Kunstwerk nochmals wiederhole,als sei sie nicht nur Schöpfer sondern auch Geschöpf der eigenen Gedichte.Diese im Hersagen erscheinende Einheit von Gestalt und Werk des Dich-ters sprach auch aus dem Bericht eines Unbekannten über die Vorlesungin der GesellschaftLetteren en Kunst" zu Boschoord, die George am25. Mai 1901 gehalten hat.Wer bei dem Worte Dichter" schrieb jenerin der Zeitung Het Vaterland drei Tage später darüberan einen geist-vollen Sohn Apollos denkt mit glänzenden Augen und helleuchtender Stirnoder an einen still-melancholischen Jüngling mit Traumaugen und einerByronlocke über der hohen weißen Stirn und diese Vorstellung gern be-wahren will, der darf nicht horchen auf Stefan George.

Wie er da saß, immer die Augenlider wie schwere Decken nieder, dasknochige ganz rasierte Gesicht mit dem stark entwickelten Unterkiefer.

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