ernsthafte Versuch der Lyriker begonnen, den Deutschen das Ohr wiederfür Rhythmus und klingende Sprachschönheit zu öffnen und in StefanGeorge war ihnen der Dichter erstanden, der die Verheißungen des Philo-sophen-Poeten wahrmachte, die Kraft mit neuer Schönheit verband undwirklich ungehörte Lieder zu singen wußte.
Ein Hauptmerkmal der neuen Dichtung fand Breysig in ihrer engen Ver-kettung mit der Musik, die sowohl technisch wie innerlich bestünde, wasdurch die lang ausgehaltene Melodie ihrer Grundnoten etwas an die ewigeMelodie Wagners erinnere. Die Gedichte appellierten wie ein feierlicheraber ganz unbestimmter Gesang wohl an das Herz aber nicht an den Ver-stand, sie verführten den Hörer, sich nur von den Wogen dieser rauschen-den Musik tragen zu lassen und nicht mehr nachzusinnen, was eigentlichForderung und Inhalt ihrer zauberischen Klänge sei, die sich erst beimweiteren Eindringen in die nicht eben leicht sich öffnenden Höfe dieserPoesie erschlössen. Er sah ein weiteres Merkmal in der rätselhaften undoft nur andeutenden Art der Dichtung, von den Dingen der Wirklichkeitzu sagen: sie w ä h 11 unter den Wirklichkeiten, verschmäht die alltäglich-sten, den Erdgeruch der Realität, und sucht die fernsten fremdesten undseltensten auf. „Alles unnütze Beiwerk wird abgestreift und in der Schil-derung nur das herausgehoben, was dem höheren ganz künstlerischenZwecke dient". „Und selbst ein allgemeinstes von den Gütern des irdischenLebens ist hier nur wie von fern winkend, nie ganz greifbar nah gezeigt:die Persönlichkeit".
Als drittes Kennzeichen und zugleich letzte Schwierigkeit für den be-quemen deutschen Leser sich der Georgeschen Dichtung zu nähern, be-zeichnete Breysig die Verbindung einer äußersten Formenstrenge mit einergroßen Gedrungenheit der Gedanken und Vorstellungsfolgen: die denk-barste Strenge in Rhythmus und Metrum sei mit einer prägnanten Konzen-triertheit der Diktion verbunden, der reichste Inhalt auf den engsten Raumgezwungen, ein harter Zwang, der sowohl die Leser der Goldschnittbänd-chen wie der freien Rhythmen erstarren mache. „Selbst wo die Strenge die-ser Rhythmen, dieser Sprachbilder," schließt Breysig seine Betrachtung»„doch nicht ganz die Fülle der Gedanken und Gefühle bändigt, hat man einWohlgefühl wie angesichts der ungefügen Quaderspalten, die der Fassadedes Palazzo Pitti ihr Gepräge nicht nehmen, sondern erst recht geben. Dasist das pindarische Element dieser Kunst, das ihrem Kranz kein einzigesseiner Blätter raubt. Bis zu spiegelglatter Reinheit hat sich noch kein star-ker Strom gemäßigt."
Es ist uns heute kaum mehr faßlich, wie sich bei allen diesen Gelehrten-naturen das theoretische Denken irgendwie vor die Person des Dichters
162