selbst die Bestätigung für die Richtigkeit seiner Ansichten holen wollte,antwortete dieser lachend, es gäbe keine Zeile seiner Gedichte, die nichtganz erlebt sei. Simmel suchte nach der ersten Bestürzung noch seinenBegriff der reinen Kunst zu verteidigen, die ohne Rücksicht auf ein Er-lebnis aus Freude am formalen Reiz entstünde und für die jeder Gehaltzum gänzlichen Aufgelöstwerden in die künstlerischen Werte bestimmt sei'
Aber das Wort des Dichters wirkte in ihm nach und Simmel erkannteallmählich die Einseitigkeit seiner ersten Ansicht, die nicht in Mitte nochTiefe der neuen Dichtung reichte. „Als der Teppich des Lebens erschien' iso lautet ein Brief von ihm, „begann ich einzusehen, daß hier kein von vorn-herein nur in der Ebene der Kunst verlaufendes Schöpfertum vorlag, son-dern daß eine Lebenstotalität mit all ihren tiefsten Erschütterungen so rest-los in die Kunstform eingegangen war, nirgends hinausragend und nichtsleer lassend, daß ich sie eben zuerst gar nicht wahrgenommen hatte, son-dern gerade nur im Kunstwerk zu sehen meinte. Während diese Erkennt-nis sich aufarbeitete, schrieb ich den zweiten Aufsatz über Stefan George(in der Neuen Rundschau), der deshalb ein einigermaßen schwankendesnoch nicht rein ergriffenes Bild zeigt. Erst als der SIEBENTE RINGerschienen war, habe ich in der kleinen Besprechung in den MünchenerNeuesten Nachrichten mit größerer Deutlichkeit auszusprechen versucht,was mir das Georgesche Werk bedeutet. Die drei Aufsätze spiegeln dieEntwicklungsstadien meines nur langsam sich klärenden Verhältnisseszu diesem Werk in ihren entscheidenden Zügen ab".
Diese schon auf spätere Jahre deutenden Zeilen zeigen uns, wie schweres damals einem deutschen Gelehrten und sogar einem Denker von derSchärfe und Beweglichkeit des Geistes wie Simmel war, in den Bäumenauch den Wald, in den Werken auch den fühlenden Dichter zu sehen.
Auch Kurt Breysig, dessen Aufsätze freilich ein und zwei Jahre späte rliegen, begann wie Simmel mit einem langsamen denkerischen Ein'dringen in das Wesen der neuen Dichtung. Er war einer der wenigen deut-schen Gelehrten, dessen Denken und Fühlen durch die Schriften Nietzsche 8bestimmt wurde und der in den neunziger Jahren schon mit tapferen Wo f 'ten auch öffentlich für den Verfehmten focht. Das war damals für das An'sehen des jungen Gelehrten — er war 1866 in Posen geboren — nicht un'gefährlich, wenn man bedenkt, daß auch jetzt nach weiteren dreißig Ja* 1 'ren der Ordinarius für Philosophie in Berlin den Denker und Weisel 1Nietzsche als „noch nicht kathederreif" zu bezeichnen wagt. Von Nietzscheher als dem Forderer höherer Formen der Kunst und des Lebens fand Breysig den Zugang zu George. Er neigte zunächst (Magazin für Literatur'April 1899) mehr zu Hofmannsthal als zu George, in dem er seltsamerweis e
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