len von Düsseldorf und Weimar und versuchten sich immer mehr Künstleran der Schaffung neuer Druckschriften, bald die Altschrift, bald die Bruch-schrift zur Grundlage nehmend, bald der eigenen Laune, bald dem Angeboteines Verlages oder einer Gießerei folgend. Ernst und reiflich wie Deut-sche es tun, ergrübelten sie die typographischen Gesetze und Bedingthei-ten, aber alle ohne den nötigsten Grund: die Schaffung und Weiterbildungder lebendigen Handschrift aus innerer geistiger Gesetzlichkeit und ge-meinschaftlicher Notwendigkeit. Der „Verlag der Blätter für die Kunst" indem seit der Gründung der Blätter die obengenannten und noch zu nennen-den Erstausgaben der Gedichtbücher Georges und seiner Gefährten erschie-nen, bedurfte keiner Kräfte außerhalb des um den Dichter geschlossenenKreises, er betrieb kein Geschäft und die Verwunderung der bürgerlichenWelt über den Reichtum derer, die solche kostbare Bücher herstellen undhalb oder ganz verschenken konnten, kennzeichnete nur ihr Unvermögen,eine Entstehung aus lebendigem Sich-Widmen an Person und Sache zuverstehen.
9. KAPITEL: DAS BILD GEORGES UND DERNEUEN DICHTUNG DRINNEN UND DRAUSSEN
WENN wir die betrachtenden Darstellungen über George und dieBlätter-Dichtung in den Jahren 1894—1898 überblicken, so findenwir drei Gruppen, Dichter und Künstler, Gelehrte und einige Frauen, diesich mit seiner Person beschäftigt haben. Fast alle diese Darsteller warenschon oder traten bald mit George und seinen Freunden in persönlichenVerkehr und gehörten nicht zu den öffentlichen Tagesschreibern undKunstrichtern, welche die „Kritik" als Beruf oder Geschäft betreiben. Dieneue Dichtung konnte in ihrer feurigsten Jugend fast ein Jahrzehnt langunbescholten und unberührt von der deutschen Öffentlichkeit weiterwach-sen. Der Herausgeber Karl August Klein notierte heiter, daß von einemBlätterbande in der einzigen Stadt Utrecht mehr Stücke angefordert wur-den als im ganzen Deutschen Reich: nämlich siebenzehn. Gerardy sah dieDinge bitterer an. In einem Aufsatz „Der deutsche Geist von heute", dener 1896 im Mercure de France veröffentlichte und der auch in Deutschlandübertragen wurde, knüpfte er an das Nietzsche-Wort: „Es zahlt sich teuerzur Macht zu kommen: die Macht verdummt", eine ingrimmige Klage überdie Versumpfung des freien und großen Gedankens in Deutschland an. Diedeutsche Presse, in der er den jüdischen Einfluß für weit gefährlicher hieltals in der der romanischen Länder, kennzeichnet er als die niedrigste und
ISO