der Wissenschaft folgten seinem Beispiel der Übernahme der Altschriftunter Weglassung auch aller durch barocke Launen geschaffenen Groß-schreibungen der Hauptwörter, Verdoppelungen der Buchstaben undüberflüssiger Dehnungszeichen. Richard Wagner und Lagarde taten an-fangs das Gleiche. Auch Nietzsche übernahm die Altschrift — die häßlicheVolksausgabe hätte er verabscheut. Im neuen Reich begann bald ein Streitum Bruchschrift oder Altschrift, dessen Gegnerschaften uns hier nicht imeinzelnen kümmern sondern nur als Zeichen dienen für das Schwankend-werden der gesamtgeistigen Lage unseres Volkes, gerade nachdem es seineäußere Weltgeltung wiedergewonnen hatte. Unter der Oberfläche desKampfes um die Schrift deuteten sich die Gegensätze viel tieferer Kräfte-lagen leise an und ein wenig wurden sie schon in den Urteilen sichtbar,in denen Altschrift und Bruchschrift zum deutschen Wesen in Beziehunggesetzt wurden.
Die Freunde der Bruchschrift — wir führen absichtlich nur ihre Ur-teile an — nannten die Altschrift steif, frostig, nüchtern und phantasielos,die reine Linie und äußere Übersichtlichkeit ihrer festbegrenzten Formensei den Deutschen unsympathisch. Was seinem Gemüte dagegen behagewäre das malerisch Verworrene, Unerschöpfliche und Unbegrenzte undzum deutschen Gemüt spräche das Schwung- und Phantasievolle, das Nek-kische, Lustige und Verschlungene der Schnörkel und Elefantenrüssel, wiedie Bruchschrift sie in unvergleichlicher Weise seit Jahrhunderten be-säße ... Kurz diese Bruchschrift entsprach noch immer der deutschen Gei-steshaltung aus der Zeit ihrer Entstehung und weitesten Ausbreitung: siewar das Sinnbild der Formunklarheit, des beständigen Triebes jede ein-deutig feste runde Form zu sprengen und zu durchbrechen und den eigent-lichen Leib des Buchstaben in ein Gespinst gebrochener Strichelchen, Bö-gelchen und Schwänzchen aufzulösen. Alle Versuche der letzten Jahr-zehnte, die Bruchschrift zu retten oder zu verschönen, mußten jedoch not-wendig auf ihre Vereinfachung ausgehen, mußten Rankenwerk und Ver-schnörkelung vermindern und also die Buchstaben den Formen der Alt-schrift wieder annähern, auch sie mußten dem deutschen Gemüt statt male-rischer Verworrenheit und Verschlungenheit wieder klarere festere Be-grenztheit zumuten.
Als der vierzehnjährige George in sauberer Lateinschrift zwei Petrarka-sonette abschrieb und die beiden Kolumnen mit roter und schwarzer Linieumrahmte, als der neunzehnjährige sein Gedicht Ikarus niederschrieb undeigenwillig bald kleine bald große Anfangsbuchstaben für die Hauptwör-ter gebrauchte, als er dann zwei Jahre später in der Niederschrift der Zeich-nungen in Grau und der Legenden immer deutlicher die Vorstufen der ihm
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