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Stefan George und die Blaetter fuer die Kunst : dt. Geistesgeschichte seit 1890
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Schwester, die nicht leben kann ohne Trank und Licht der Gesänge. Esist ihr JAHR, doch nirgends in seinen Monden und Gezeiten erscheint sieals Gestalt, nicht holde Psyche noch leuchtende Anima, nicht verklärteBeatrice noch hinanziehendes Gretchen, nicht die Jungfräuliche noch dieMütterliche, weder unter altem noch neuem Bilde und doch DAS JAHRDER SEELE?! Seit Piaton sie aus Gewächs und Leib gehoben und geprie-sen hatte, gab es kein Bauwerk, kein Bild, kein Wort, kein Zeichen in zwei-tausend Jahren, das nicht von ihr sprach, das nicht die Runen ihres Schick-sals trug. Von der mütterlichen Erde und den geschwisterlichen Gewäch-sen war sie gelöst, in den Wesen der Elemente lebte sie nicht mehr, diebrüderlichen Leiber wurden ohne sie gezeugt und starben ohne sie und indem einzigen der sie umhüllte, dem des Menschen, war sie nur Gast odermehr noch Gefangene in unwürdigem Kerker. Nur einer trug sie im brü-derlichen Leibe heil durch alle Reiche: Dante der Dichter. Das war dieWende des Schicksals: der Weg zu fernem Ziel. Aber welche Mühsal war-tete ihrer bis dorthin! Die kristallenen Schalen der Himmel zerbrachen, dieSchlünde der Hölle stürzten bröckelnd ein und der unendliche wohnloseRaum lag über und unter ihr. Nur die Dichter hüllten zuweilen die Frie-rende ein, weinten über sie, nannten sie die Schöne und suchten ihr Leidin Träumen und Tönen aufzulösen, aber ihr Mantel reichte nicht und ihrefarbigen Schleier waren nicht dicht genug, um sie vor dem Bösesten undSchlimmsten zu bewahren: der kalten Liebe der Erkenner und der lieblo-sen Kälte der Erforscher.

Sie war müde diese Seele von Fahrten und Qualen, der Liebe der Engelwie der Teufel, der Neugierigen, Wisser und Gaffer müde und auch deralten Priester. Sie sank auf das ehmals verlassene Lager zurück verwun-dert staunend über seine Herrlichkeit und Schönheit, ganz hingegeben undversinkend in den neuen Freuden und doch vor dem Schlummer noch ein-mal erschauernd, von der Schwelle sich selber rückwärts und vorwärtsschauend. Denn wiedergeboren wird sie ein anderes sein, nie mehr Psyche,die holde zarte, schwebende, die leidende blutende gemarterte, die verklärteund verdammte die Ewige sondern eingeboren in die Leiber undKräfte, unlöslich eines mit den Gewächsen, mit ihnen werdend und ver-gehend die Sterbliche, die nicht von einst und anders weiß, ein mit-wachsendes Leben, Kind von Sonne und Regen und Wind, gebräunt vonden Strahlen, geschwellt von den Säften, genährt von Brot und Wein derErde, der Erde Tochter aus neuer Zeugung: ein neues Glück und neuesLeid.

So lebt sie im JAHR DER SEELE, das schon Hölderlin ahnend er-hoffte:

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