eine Gemeinde", daß vielen gewissenhaften Kennern der neudeutschen Li-teratur selbst dieser Name noch unbekannt sei, daß sie selbst durch einenüberschwenglich begeisterten Aufsatz über ihn in einer belgischen Zeit-schrift aufmerksam geworden, auch Berliner Künstler von ihm sprechenhörte und zwar als von einer Bereicherung und Verklärung ihres Daseins,daß sie dann nach mühevollem Suchen seine Gedichte gefunden und ge-lesen habe: „Seitdem erscheint mir Stefan George als der bedeutendstesympathischste Lyriker unserer Tage". Nach einer Besprechung der bis-her erschienenen Werke schildert sie dann: „Es war ein Spätnachmittagim November, unbestimmte graue Häusermassen, dunkle vorbeieilendeMenschensilhouetten, weißes Glühlicht und ein gelblichgrün absterbenderHimmel, einer jener mystisch-schönen Momente, welche die Großstadtdenen, die Nerven dafür besitzen, wohl bringt. Unser Wirt war der feinstesubtilste Bildnismaler Berlins. Wir saßen in den mit verschleierten Lam-pen matt erleuchteten Räumen auf florentinischen eingelegten Sesseln, aufverblaßtem Brokat. Bekannte Menschen waren zugegen. Nur in gedämpf-ten Tönen wurde gesprochen. Dann glitt aus einer Seitentür ein Mannherein und setzte sich nach einer Verbeugung an das gelbverhüllte Licht:hinter ihm eine japanische golddunkle Stickerei, nicht weit von ihm Lor-beerzweige und orangerote Blüten in getriebenem Kupfergefäß. Niemalsin meinem ganzen Leben ist mir ein so merkwürdiges Gesicht begegnet:Blaß, verarbeitet, mit müden schweren Lidern, mit herbem ausdrucksvollvibrierendem Mund. Die Backenknochen sind stark geprägt, wuchtigwölbt sich die Stirn, aus der sich schwere dunkle Haarmassen erheben.Von Gedanken und inneren Kämpfen ausgemergelte Züge, weit weit älterals seine 28 Jahre. Das Profil hat eine verfolgende Ähnlichkeit mit demDantebild im Bargello. Der ganze Kopf, die mageren nervösen Hände er-innern sonderbar an den jungen Liszt. Er las mit leiser gleichmäßigerStimme, mit feiner diskreter Betonung. Hin und wieder störte sein rhei-nischer Akzent. Obwohl ich die meisten Gedichte kannte, war es nichtleicht, den immerhin ungewöhnlichen Gedanken- oder Bilderverbindungenzu folgen. Aber mehr und mehr wurden wir hypnotisiert, in die Stim-mung hineingebannt. Zum Schluß erhob er sich, sagte noch ein Gedichther und schlug zum erstenmal die Augen auf: matte etwas rote Lider,dunkle starre, nicht große Augensterne. Dann verbeugte er sich und ging-Erst allmählich begannen wir im Flüsterton zu sprechen. Einigen warenseine Gedichte gänzlich fremd gewesen, ich glaube, jeden hatten sie gepacktund bewegt. Als ich später von dieser Stunde erzählte, meinte man, esklänge etwas theatralisch und .gemacht'. Dies war keineswegs der Fall-Das Ganze entsprach in der echtesten Weise der Richtung, dem Geschmack
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