maierei wie „eine Wissenschaft der Kunst", deren Aufgaben nicht durchtriebhafte Unbefangenheit sondern durch ganz bewußte Einsicht in dasWesen der darzustellenden Personen gelöst werden könnten. Je vielfäl-tiger dieses Wesen war um so mehr reizte es seinen reichen vielgeschlif-fenen Geist und sein prismatischer Blick suchte die Einheit eines Charak-ters am liebsten über die Zusammensetzung von Einzelzügen zu gewinnen.Dieser Weg stellte sich im formalen Bau seiner Bildwerke selber dar:aus einer unendlichen Menge von Flächen suchte er einen einheitlichenPerson und Luftkreis gleichmäßig bindenden Raum, aus einer unend-lichen Fülle von Schatten und Lichtern eine einzige das Seelenwesenkennzeichnende Bewegung oder Ruhelage, aus einer unendlichen Stufen-leiter von Farbtönen eine einzige höchstens zwei Grundfarben zu gewin-nen und so eine an den späten Rembrandt erinnernde Vielfältigkeit derEinzelteile zu einer geschlossenen Wirkung zu bringen. Was aber demMaler Lepsius sein Handwerk erschwerte, machte den Menschen zum an-genehmsten Gesellschafter und hob jedes Gespräch mit ihm auf die Ebeneedelsten Genusses und geistiger Erquickung. Er war von schlanker fein-gliedriger Gestalt, eine immer gleichbleibende Überlegenheit lag überseinen klugen Zügen, er hatte mehr die Gebärde und Haltung eines vor-nehmen Marquis vergangener Zeiten als eines Berliner Malers im Wilhel-minischen Zeitalter. Von feinster Bildung in allen Fragen der Philosophieund Künste, mit der für den Künstler seltenen Fähigkeit begabt, seine Er-fahrungen und Einsichten auch klar zu umreißen, ja oft in den Formu-lierungen von schärferer und tieferer Umgreifung des Gegenstandes alsselbst Simmel, erweckte er bei spielender Sicherheit auf allen geistigenGebieten doch den Anschein eines Mannes, der nur zufällig zur Unterhal-tung des Gastes von solchen Dingen redet und sie nach der schönen flüch-tigen Stunde wieder vergißt. Unbekümmert verstreute er sein hohesKunstwissen und manche Gelehrte wie Simmel, Breysig und andre bishinab zu Walter Rathenau haben von ihm gezehrt und große Anregungenfür ihre Schriften aus seinen Gesprächen empfangen. Er selber zeichnetenie etwas auf, er hatte einen wahren Abscheu davor etwas niederzuschrei-ben, ja schon vor dem Schreiben selbst.
Dieser Mann wußte George in die reiche Geselligkeit seines Hauses zuziehen, fast dem einzigen damals in dem die beste Überlieferung des altenBerlin, eine feingeistige und musikalische Unterhaltung von hohem An-spruch, eine wahrhaft häusliche Kultur noch gepflegt wurde. Für Georgewar der Besuch dieses Hauses die schönste Form sich von der gesell-schaftlichen Vereinzelung, in der er auch mit den zerstreuten Gefährtennoch befangen geblieben war, zu befreien und das Schicksal einsamer Ge-
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