großer Seelen war, sondern in der Werkgestaltung und Verwirklichungder Träume im Bild, in der stofflichen Versinnlichung der inneren Gesichte.
Aus dieser Einstellung zum künstlerischen Schaffen erfaßte Lechter,als er die Gedichte Georges kennenlernte, sogleich die geistige Sphäre, ausder sie geboren waren. Ohne schulgerecht die Bildungsart seiner Zeiterworben zu haben, eher durch die musikalische Gefühlswelt bestimmt, derer sich seit der Anhörung von Wagners Parsifal in Bayreuth aufs tiefsteverbunden wußte, ergriff er mit leidenschaftlicher Wärme von den dichte-rischen Gebilden Besitz. Sie waren ihm Schmuckstücke von unerhörterKostbarkeit, Werkstücke von einer bisher unbekannten Feinheit und Sorg-falt der Mache und zugleich Zauberstücke von unergründlicher quellenderTonfülle, die den Kenner und Könner auf eins entzückten. Wie sie auseinem unverbildeten Ganzen kamen, so sprachen sie hier zu einem gan-zen unverbildeten Menschen unmittelbar und waren seinen ungebroche-ne n Sinnen ohne Mittelweg zugänglich und verständlich.
Als George bei seinem ersten Besuche im zweiten Hofe eines großenBerliner Mietshauses die vielen Stufen bis zum fünften Stockwerk empor-gestiegen und in die Wohnung Lechters eingetreten war, fand er sich wieJeder der dort hingekommen ist, plötzlich der Großstadt ja überhaupt jederzeitgemäßen Umwelt entrückt in einer Umgebung, in der jedem Ding,dem Lichte selbst, nur e i n Atem entströmte: der des Bewohners. Es warnu r ein großes Atelier mit zwei kleineren Zimmern daneben, zu denens Päter ein drittes als Ausstellungsraum hinzutrat, aber vom Türschild undWandornament, von der Lampe bis zu Stuhl und Tisch, Bett und Schrankw ar jedes Stück vom Künstler selbst entworfen, die Fenster mit den vonihm gemalten Scheiben erleuchtet, die Wände und Böden mit den von ihmgezeichneten Matten und Teppichen bekleidet. Den Gestalten der Glas-lenster Tristan und Isolde, Sanctus Sonus und Sanctus Odor, den in Holzgeschnitzten Blumenranken und Sprüchen der Schränke, den Einbändender Bücher und allem worauf das Auge traf, entströmte eine schlichteFeierlichkeit und Künstlerfrömmigkeit, welche von allem Draußen ab-schieden und die vom Lärm der großen Straßen erregten Sinne beruhigten.^ s gab kein zweites Heim dieser Art in der Stadt der Millionen. Der darinlebte war gewiß kein Heiliger sondern ein vom Lieben und Leiden ge-schüttelter Mensch, gewiß kein Verzichter sondern ein von Trotz undEhrgeiz erfüllter Künstler, aber er gab hier dem tätigen Alltag seineschöne Heiligung und dem festlichen Abend seinen heiteren Ernst. WasWunder wenn George dorthin wiederkehrte und Lechters Wohnung dererste Versammlungsort für den Freundeskreis wurde und es Jahre hin-durch blieb. Zwischen den beiden jungen Männern wurde eine fruchtbare
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