endlich zum Mittelpunkte gelangte, so erhielt er die Antwort des Dich-ters: „Wer nicht in der Mitte steht gelangt niemals hin".
Aber das Unvereinbare solcher Anschauungen war in jenen Jahren nochnicht sichtbar, die Gegensätze dienten vielmehr der lebhafteren Entwick-lung der Meinungen über Kunst und Weisheit und nicht zum mindestenwurde diese Lebhaftigkeit gefördert durch den dritten Partner der Ge-spräche, Gertrud die Gattin Simmeis, die sich als Schriftstellerin Marie-Luise Enkendorf nennt: eine Frau von hoher Bildung und eigner philoso-phischer Begabung, die George durch die größere Tiefe ihres Fühlenseinige Jahre hindurch fast näher stand als Simmel selbst.
Noch vor der Bekanntschaft mit diesen und einigen anderen Gelehrten,die mehr zum Werke als zur Person des Dichters in Beziehung traten,hatte George einen engeren Freundschaftsbund mit Lechter geschlossen,von dem er schon im Jahre 1894 einige begeisterte Briefe über die Blättererhalten und den er im folgenden Frühjahr selber aufgesucht hatte. Mel-chior Lechter war am 2. Oktober 1865 zu Münster i. W. geboren, einerStadt in der die Überlieferung alter dem kirchlichen Kulte dienendenHandwerke noch gerade lebendig war, hatte dort mit vierzehn Jahren dieGlasmalerei erlernt und im Drange nach höherer Ausbildung im begin-nenden zwanzigsten Lebensjahre die Berliner Hochschule für die bilden-den Künste bezogen, die Tage studierend, in den Nächten durch Glas-malerarbeiten sich die Mittel zum Studium und Lebensunterhalt erwer-bend. Von mittelgroßem gedrungenen Körperbau und unverwüstlicherKraft, dem Erbe westfälischen Bauerntums, stellt er in jeder BewegungUnd Haltung den Maler, ja in einem höchst verfeinerten Sinne den Hand-Werker edler Künste dar. Die Hände, mit dem großen Opalring geschmückt,sind voll lebendigen Ausdrucks und zeigen zugleich das Stämmige desganzen Gliederbaues, der von dünnem Blondhaar bedeckte Kopf hat beiWeichen runden Formen vielfältige Flächen und wird beherrscht durchdas hellblaue scharfe in der Erinnerung fast brauen- und wimperlose Augemit dem feststehenden klaren Malerblick unter der breitgewölbten Stirn.Um die fleischige kurze Nase und den kräftigen meist zusammengepreßtenMund spielen in leicht veränderlichem Wechsel die Züge tiefen ErnstesWie leichten Spottes, schöner Güte wie heftigen Zornes. Niemals auchin den Stunden von Leid, Krankheit und verzweifelter Trauer sahen wirseine von feinem Geäder durchbluteten und schon in leichter Erregungheftig geröteten Stirn- und Wangenflächen schlaff oder ohne SpannungWie es bei Musikern häufig der Fall ist. Wenn vielleicht einige Formenseines Gesichtes an diese erinnern, so hebt der von einer anderen innerenKraft bestimmte Ausdruck seiner Züge diese Erinnerung sogleich wieder
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