war. Da Simmeis Geist zu rein war, um ein nur erdachtes Ordnungsschemafür ein lebendiges System, zu stark war um eine Geschichte der Philosophiefür eine eigene Philosophie zu halten, so blieb ihm nichts als in jenes vor-getäuschte Ganze von den tausend Blickpunkten der Zeitwirklichkeiteneinzudringen im festen Glauben, jede anpeilend müsse er endlich die Mitteder vielfältigen Erscheinungen erkennen. Er war als seelische Artung dar-in dem Zeitkind Hofmannsthal verwandt: nur daß dieser leidend sich alsdurchfahrenen Schnittpunkt unendlich vieler Beziehungen fühlte, Simmeltätig auf den Bahnen unendlich vieler Beziehungen den Schnittpunkt allerim Weltall und damit den Kernpunkt seines Rätsels finden wollte. So ver-suchte er sich an Michelangelo, Kant, Goethe und der Persönlichkeit Got-tes ebenso wie an Abenteuer, Mode, Geschlechterproblem und weiblicherKultur, an der Metaphysik des „Und" ebenso wie an der Philosophie desGeldes, und war ebendarum, dürfen wir sagen, der einzige echte Philo-soph seiner Zeit, wahrer Ausdruck ihres zersplitterten Geistes, auch darin,daß er aus dieser mangelnden Fähigkeit Mitte zu bilden, schülerlos blieb,obwohl 500 Studierende jährlich zu seinen Füßen saßen.
Was George zu Simmel hinzog war dessen ungewöhnliche Bewandert-heit in allen Dingen der Kunst. Er faßte auch menschliche Zuneigung zudem ungewöhnlichen Gelehrten, der auf dem einmal für recht erkanntenWege ohne Nachgiebigkeit und schwächliches Ausweichen weiterging,auch als Mann von Weltruf lieber ohne amtlichen Lehrstuhl blieb als derZunft etwas einzuräumen und bei vornehmer alter Gelehrtenart als Seelevon größter Sauberkeit und Zartheit war. Seine Grundartung änderte sichauch im häufigen Verkehr mit dem Dichter nicht, die Dichtung konnte fürihn nur eine der Bahnlinien in die vorgestellte Mitte sein und wenn seineEinsichten in das Wesen der neuen Dichtung, von denen wir später nochsprechen werden, auch eine tiefe Erschütterung, eine Ahnung von der Un-erkennbarkeit des tiefsten Lebens verraten, so blieb doch in der Anschau-ung der Welt der größte Gegensatz zwischen dem Denker und dem Dich-ter bestehen. Wenn George etwa spottete und die moderne Welt untereinem Zahlenbilde vorführte, wie sie Nullen an Nullen hänge, aber nie zueinem festen Werte komme, weil die Eins vorne fehle, so meinte Simmelnach mancher Hin- und Widerrede zum Schluß indem er in seiner selt-samen Art die Finger krümmte — er dachte gleichsam mit dem ganzenKörper —: „Man kanns nicht wissen, vielleicht haben wir noch nicht genugNullen aneinandergereiht, vielleicht wenn wir immer weiterreihen wirddoch einmal eine Eins daraus". Oder wenn ein andermal der Forscher seineArbeitsweise verteidigend wahrscheinlich machen wollte, daß man vornUmkreis der Welt auf unzähligen Einzelpunkten sich nach innen wendend
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