natürlichen Daseins bis in die Tiefen fühlt aber zugleich Herr über diedunkelflutenden Gründe ist und sie mit den beherrschenden Mitteln seinesGeistes im Kunstwerk bändigt.
Wer, um bei der Unbekanntheit von Verweys Schriften in Deutschlandnur eines seiner vielen Dichter-Bilder wiederzugeben, wer, der ihn kennt,dächte bei diesem hier nicht an George? „Lassen wir uns nicht unnötigschwierig machen durch lästige Umschreibungen dessen was Kunst sein°der nicht sein müßte. Wenn ich aus jemandes Worten höre, daß er tieferschüttert ist und ich fühle dann zugleich, daß er in vollkommenem Selbst-besitz spricht, dann stelle ich nicht zuerst die Frage ob das was er sagtKunst ist: ich stelle überhaupt keine Frage: ich lausche".
Soviel erhellt aus diesen wenigen Stellen: mit welcher Freudigkeit diesebeiden Seelen zueinander eilen mußten! Verwey sah durch den Rheinfran-ken den dunkelgefühlten Weg plötzlich in vollem Lichte und aus derKlamme der Verneinung tretend die Gipfel hohen künstlerischen Wirkensklar vor Augen, George fand in dem blonden um drei Jahre älteren Nieder-länder mit dem borstigen Haupthaar, der hohen hellen Stirn, den blauenebenso klugen wie tiefgründigen Seemannsaugen und unter kräftiger Nasedem kräftigen Mund, um den ein schütterer Bart die Züge von Witz- undSpottlust nicht verdecken konnte — er fand in diesem weltkundigen undSc hon in Streiten gereiften Amsterdamer eine germanische Wesensart inbesonderer Reinheit und Stärke: Verwey hatte das was wir Deutsche»Tiefe" nennen, etwas das der Romane ablehnt oder belächelt weil es ihmUnsympathisch und unverständlich ist. Ein Etwas, um ein Augenbeispiel2 u nennen, das uns mit unheimlicher Gewalt entgegenspringt, wenn wir in" e n Uffizien nach dem Betrachten italienischer, spanischer und franzö-sischer Meister plötzlich vor den Gemälden Rogers van der Weyden undHug os van der Goes stehen: ein seelischer Farbenabgrund und eine my-stische Bewegtheit der Gebärden, die von etwas anderem aussagen undWoanders hinreichen, als alle Farben und Gebärden die wir vorher sahen.Es ist jene andere Fragestellung an das All, die auch allen dichterischenWerken Verweys eigentümlich ist und ihnen das völlig germanische Merk-mal gibt. Mochte der kalvinische Holländer und Erbe der englisch-franzö-Sl schen Aufklärung vor katholischem Kult und Papsttum schaudern, erls t dennoch eine tiefreligiöse Natur. Freilich schwingen seine Gedichte wieseine dichterischen Anschauungen um das mystische „Selbst" und „Sich",Ur n die leidende Gott-Tiefe und -Innigkeit mehr als um die leiblicheG ottgestalt.
Der Dichter der SAGEN UND SÄNGE war nie empfänglicher für dieseSchwingungen unserer germanischen Seele als damals. Den alternden Kir-
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