und Literaturbetrachtung, die selbst der deutschen an spießbürgerlicherFlachheit weit überlegen war. Denn wer wie er schon am Beginn jener Be-wegung eine Studie wie „Das Sonett und die Sonette Shakespeares" schrei-ben konnte, von einer so wundervollen Deutung der rhythmischen Mög-lichkeiten des Sonetts, seiner Technik im allgemeinen und bei Shakespeareim besonderen, von einer so bezaubernden und erhellenden Darstellungdes Blankverses im Vergleich zum Acht- oder Zwölfsilber, wie wir etwasÄhnliches vergeblich in unserer Wissenschaft suchen — der war voreinem völligen Abgleiten in die naturalistische Auflösung gesichert. Erlöste sich, sobald er den Weg für das junge Geschlecht geöffnet sah, lang-sam von den Mitkämpfern, noch ungewiß zu welchen neuen Zielen. EineReise nach Italien (1890), der Anblick so vieler Werke der hohen Kunstaus drei Jahrtausenden, vor allem seltsamerweise der römischen Bildnis-köpfe in Neapel lenkten seine Gedanken von den natürlichen Ichgefühlenauf das künstlerische Gebilde, von Eindruck und Vorstellung auf denGeist, vom Wort auf den Satz: „Denn Lust- und Nervengefühl äußern sichdurch das Wort, die tiefere Einheit des Geistes drückt sich im Satze aus"(Proza II, 47).
In diese Wandlung, deren Gegensätze er mit solcher Klarheit erst spä-ter erkannte, fiel die Bekanntschaft mit den Gedichten der ersten Blätter-Bände und dann die Begegnung mit George selbst. In nichts zerflog beidessen erstem Anblick das Bild des „Dekadenten", in nichts die Sorge umdie Endschaft-Süchte auch des deutschen Geistes! Jugendlich strahlendbewegt, von der fast kampflosen Klarheit und Wachstumsfreudigkeit wiediese ganzen Monate eines reichen Zustroms von Freunden und Gefähr-ten, schön minnend gelassen wie diese Jahre der Entstehung der Hirten-und Preisgedichte ihn gestaltet hatten, trat der schlanke brünette Deut-sche vor ihn: mit dem vollen welligen Haar, der gewaltigen Stirn, denblitzenden dämonisch festen Augen, den löwenkräftigen Kinn- und Kiefer-knochen, einem Antlitz das ihm von vorne breit und mächtig, von derSeite schmal und feingliedrig erschien, ein Mensch ohne Spur von Müdig-keit wenn auch mit jener Schwermut auf dem Grund der Seele, welche dieWissenden kennen. Vor allem, was Verwey aus den Werken schon wußte,aber in den Gesprächen tief bestätigt fand: ein Dichter in jedem Blick undNerv stand vor ihm, ein solcher wie Verwey, gleichgültig auf welche Per-son oder Frage angewandt, ihn seitdem immer wieder gezeichnet hat, einerder glaubt „daß der Kunsttrieb eine Naturgewalt ist die nicht getötet wer-den kann, daß das Kunstwerk nach eigenen Gesetzen geht und daß ein Le-ben hingebracht in der Schöpfung der Kunst-in-Worten mehr denn jedesdas Leben lohnt", einer der Leid und Leidenschaft und alle Bereiche des
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