Druckschrift 
Stefan George und die Blaetter fuer die Kunst : dt. Geistesgeschichte seit 1890
Entstehung
Seite
90
Einzelbild herunterladen
 

Schaudern und Leiden gequälten Lebens, eines hoffnungslosen Unter-ganges eingegraben waren. Aber unverändert war Gestalt und Haltunggeblieben und unverändert was auch der Schwermut in seinen Gedichtenjede romantische Note nimmt: der trauerüberherrschende Stolz, die un-antastbare Hoheit dessen, der ein schweres Schicksal würdig trägt, undnicht zuletzt der große Sternklüfte überbauende Glaube an den Dichter,der dem Ton dieser Seele die hohe Erhabenheit und den reinen Adelgibt.

So spannten sich um die Mitte der neunziger Jahre die Flügel Georgesschon vom romanischen bis zum slawischen Räume nicht durch Studien,nicht durch Briefe, sondern durch Menschen die würdige Träger der Ei-gentümlichkeiten ihrer Völker waren, durch Jünglinge und Männer, derenFreundschaft er erwarb und die in ihm den höchsten und reinsten Trägerdeutschen Geistes unter den Lebenden verehrten. Die aufmerksamenBlicke der Ausländer sahen in dieser Mittelstellung Georges bereits da-mals eih staatliches europäisches Moment, als bereite sich hier im Dichte-rischen ein völkerversöhnender Austausch der Kräfte vor, der in der Tatbei wachsender Ausdehnung eine tiefere Näherung der Völker hätte be-wirken können als politische Besuche und wirtschaftliche Verträge. Wieder Holländer Verwey bald mit dem Ton freudiger Zustimmung auf dasinnige Bündnis des deutschen und polnischen Dichters hinwies, so hatteder Welschschweizer William Ritter schon im Frühjahr 1895 in einemAufsatz über die neue deutsche Dichtung in der Genfer Semaine Litte-raire (2. HI. 95) geschrieben: die junge französische belgische und deutscheDichtung stünde in gemeinsamer Front gegen den Naturalismus und voll-ziehe in Lüttich eine Einung von Frankreich und Deutschlandun veritablephenomene d'endosmose litteraire". Der bekannteste Lütticher DichterPaul Gerardy, so erläuterte er diesen Vorgang, schreibe so gut französischwie deutsch und der Führer der jungdeutschen Plejade, der feine undaußergewöhnliche Stefan George betrachte das Französische als seinezweite Muttersprache.Die politischen Sieger haben sich mit dem Zivili-sationsherd der Besiegten inspiriert und die Blätter für die Kunst sind vollvon Übersetzungen von Baudelaire, Verlaine, Moreas, Regnier, Griffin,Merrill und anderen.... Dabei gibt der deutsche Ernst niemals seineRechte auf und Stefan George hat in seinen Urteilen über andere stetseine Milde und Zurückhaltung geübt, die schnurstracks der Ungebunden-heit und Boheme entgegengesetzt ist, wie sie vor etwa zehn Jahren imlateinischen Viertel Mode waren".

Es waren die Jahre, wo nach dem Sturze des kriegslustigen GeneralBoulanger eine Entspannung zwischen Frankreich und Deutschland in

90