Druckschrift 
Stefan George und die Blaetter fuer die Kunst : dt. Geistesgeschichte seit 1890
Entstehung
Seite
86
Einzelbild herunterladen
 

Brüder van Eyck, des unvergleichlichen Roger van Weyden und der spä-teren Rubens, van Dyck und unzähliger anderer, die aus diesem Zauber-kessel germanisch-romanischer Mischung mit berauschenden Farbenwun-dern emporgestiegen waren.

Dies alles und noch manches Gedenken an glänzende und blutige Tagewitterte um den goldgrauen Marktplatz der flämischen Unterstadt, unddie Palast- und Kirchenhöhen der wallonischen Oberstadt und durchzogdie Gespräche und Werke der Dichter und Künstler. Nach schwerem geist-losem Schlafe war in dem selbständig gewordenen Lande ein eigenesSchrifttum lebendig geworden. Man suchte aus dem früheren Widerspielzwischen demlachenden zweifelsüchtigen Paris und dem fanatisch rohenFlandern" zu einer belgischen Einheit zu gelangen und die fast un-vereinbaren Gegensätze zwischen den Landschaften der grünen blumigenTeppiche und denen der traurigen bleichen Erdflächen,wo Pflanzen wiestruppige Fäden und Bäume aus Sargholz wachsen", zu einer heimatlichenDichtung zu verschmelzen, Einheitsträume die heute wieder verwehtsind. George stand durch seine Lütticher und Pariser Freunde mit dieser Be-wegung, welche für das jüngere Geschlecht von den Zeitschriften Le Re-veil, L'Art Moderne, La Jeune Belgique, Van Nu en Straks, La Wallonieund Floreal getragen wurde, in naher Verbindung und hat Verhaerendurch die Übertragung seiner Gedichte, Gerardy durch tiefere Einbezie-hung ins Deutsche für die heimatliche Kunstbewegung fruchtbar gemacht.Er selbst nahm aus dem lebendigen Austausch mit den beweglichen Bel-giern Kraft und Bestätigung für den eigenen Weg. Auf diesem Schnitt-punkt zwischen Holland, Deutschland, Frankreich und England nahmenwie die staatlichen so auch alle künstlerischen Fragen einen besondersgesamteuropäischen Ausdruck an. Belgien war noch ein letzter Restund leider ein allzu schwacher des alten Zwischenreiches, das die tiefenWesensspannungen zwischen Germanen- und Romanentum überbrückensollte. Damals hörte man in Brüssel Vorträge über die Dichtung Georgesund machten die Blätter Werke von Donnay, Khnopff, Verhaeren, Ge-rardy und anderen in Deutschland bekannt.

Als ob das alte sterbende Europa den Keim einer neuen Gemeinsamkeitnoch in den deutschen Dichter senken wollte, so mutet es an wenn wirerfahren, daß George in eben diesen Jahren in Paris, das er alljährlich nochbesuchte, auch den polnischen Dichter zum Freund gewann. Selbst fürsein an Wundern reiches Leben bedeutete das Aufblühen der Freundschaftmit Waclaw Lieder ein wunderbares Glück.

Waclaw Rolicz-Lieder war 1866 in Warschau geboren und stammte auseiner katholischen polnischen Adelsfamilie, die wie ihr Beiname War-

86