besaß ihm nur die Arbeit, die Menschen oder Dingen irgendeine neue unbe-kannte Seite abzugewinnen und als möglich darzustellen wisse. Die sprach-lichen Mittel dazu waren ihm Auswahl, Klang, Maß und Reim, das see-lische Mittel „als die natürliche Folge geistiger Reife und Tiefe": dassinnbildliche Sehen. Denn „das Sinnbild ist so alt wie die Sprache undDichtung selbst. Es gibt ein Sinnbild der einzelnen Worte, der einzelnenTeile und des Gesamtinhalts einer Kunstschöpfung. Letzteres nennt manauch die tiefere Meinung die jedem bedeutenden Werk innewohnt". Dazulese man den Abschnitt „Über Dichtung", der jetzt in die TAGE UNDTATEN aufgenommen ist. Diese kühlen sachlichen Sätze rührten an dasKleinste wie Größte des künstlerischen Schaffens und man spürte ihrenWiderhall noch in der gleichen Folge in den Aufsätzen von Paul Gerardyund Ludwig Klages. Der erstere umschreibt in seiner „Geistigen Kunst"(II, 4) die Symbolik als die Kraft unter allen bedeutungsvollen Dingen dasGrößte und Schönste, das durch seine vollkommene Form der unbedingtenEinheit dem höchsten Traum sich Nähernde auszuwählen und als dieFähigkeit dies mit klarer schöner und sogar am Abgrundsrande uner-schütterter Stimme zu sagen. — Klages durchbrach in seiner „Seelen-lehre des Künstlers" (II, 5) die bisherige Lehre vom Schönen und statt aufdie Feststellung und Ausmessung der Begriffe Schön und Häßlich grün-dete er sie auf die Trieb- und Formkräfte des Künstlers, auf sein bewußtesund unbewußtes Wählen, Formen und Bearbeiten des Seelenstoffes, aufseine Fähigkeit Zeichen zu geben für die geheimnisvollen Werte von Seeleund Welt. Triumphierend schlägt uns aus beiden das neue Wissen umKunst und Künstlertum entgegen, sie wollen sich nicht unter dies oderjenes Schlagwort reihen, nicht dies oder jenes tun: nur Künstler sein undWerke schaffen: „Man darf den Dichtern, die sich hier vereinigt habennicht die leeren oder unvollständigen Namen Mystiker und Symbolistenbeilegen, denn das wollen sie nicht mehr sein als die klassischen Meisteres waren. Allein der Name Künstler genügt und paßt ihrem geringen Stolz.Eine reine klangvolle strenge und schöne Sprache ohne irgend etwas vondieser leichtfertigen und zerfahrenen Weise die heut im Schwung ist.Kein Dunkel, kein Wirrwarr, die kräftige Schönheit, die Feinheit ohnekränkliche Verziertheit, das ist was die neuen Dichter erstreben. Fernliegt es ihnen, Dinge und Ereignisse zu beschreiben — ihnen heißt es nur:hervorrufen und einflüstern mit Hilfe wesentlicher Worte. Sie werdenkeine Erfindungen machen, Gesellschaftsfragen lassen sie kalt, dieMenschen sind für sie von geringem Interesse. Denn ihre Aufmerksam-keit richtet sich auf den Menschen und Glaubensbekenntnisse haben fürsie nur durch den darin eingeschlossenen Schönheitsgehalt einen Wert.
76