men. Gegen den hohlen theatralischen Prunk und die immer matter wer-denden Aufgüsse dieser Schule empörte sich um die Mitte der achtzigerJahre eine Gruppe der deutschen Jugend, verwarf die gefühlsamen Lie-beleien ihrer Romane und Novellen, die Aufgeblasenheit und Gestelztheitihrer Dramen und die leblose Schablone ihrer Gedichte und nahm sich dieRealisten und Rationalisten Frankreichs, die Moralisten Skandinaviensund die grüblerischen Kriminalisten des barbarischen Rußlands zum Vor-bild. So echt der jugendliche Drang war, dem eigenen Geschlecht undZeitalter für die verwandelten Lebensgefühle im Schrifttum Laut undStimme zu verleihen, so kläglich scheiterten die Jungen bei der Verwirk-lichung ihrer Absicht. Sie warfen mit den leicht zu besiegenden Nach-fahren auch das beste Erbe unserer Großen mit über Bord und wollten dieDichtung der Zukunft lieber als an Goethe an die Gescheiterten und Halt-losen „an Lenz und den titanischen Grabbe" knüpfen, denen sie sich ver-wandt fühlten. Sie verwechselten die Wahrheit und Wirklichkeit, in derenDarstellung sie das Wesen der neuen Kunst suchten, mit dem Oberfläch-lichen und Gemeinen. Sie fanden auch niemand in ihren Reihen, der sichan Kraft und Können auch nur über die Ebene des bescheidenen Mittel-maßes erhoben hätte und nur entfernt mit den bedeutsamen Werken einesZola, Ibsen und Dostojewski hätte wetteifern können. Dazu mißkanntendiese deutschen Nachahmer völlig die Bedingtheiten jener Schriftstellerim Raum und Geist ihrer Völker. Wenn der entgöttlichte Franzose „dieHaupteigenschaft des Romanschreibers im Wirklichkeitssinne sah", dasheißt „die Natur zu fühlen und wiederzugeben wie sie ist" (Zola), so bautesein gallischer Verstand diese gefühlte Natur doch immer nach den klarenDenkgesetzen einer noch ungebrochenen Überlieferung seines Landes auf,wenn der trübe Nordländer seine Dramen scheinbar aus einer allgemeinenErkenntnis seelischer und gesellschaftlicher Zustände der Zeit erschuf, sopochte doch in ihnen wesentlich ein Nationales: die strengen Grundsätzeeines nordisch-pastoralen, eines einsam und kampflos weiter moralisieren-den Luthertums, und wenn endlich der gestaltlose Russe Jammer undElend seiner geknechteten Massen in die unerbittliche Logik fiebrigerWahnsinnsträume bannte, so gab er damit die seelische Wesenheit sei-nes Volkes wieder: die unüberwindbaren Klüfte, die Gliederlosigkeitund das dumpfe verquollene Hoffen auf Rettung in seinen untersten gä-renden Schichten.
Die Deutschen machten sich mit diesen Zerfallserscheinungen des Aus-landes völlig gemein, auch wenn sie weder in Vorgängen noch im Wesenunseres Volkes Boden und Wurzel hatten, sie erhoben was dort noch ge-wachsenes Erzeugnis überalteter oder erst barbarischer Bildungen war,
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