Druckschrift 
Stefan George und die Blaetter fuer die Kunst : dt. Geistesgeschichte seit 1890
Entstehung
Seite
51
Einzelbild herunterladen
 

»n einem Aufsatz über Gustav Fröding auf das jüngste Geschlecht der lyri-schen Dichter aufmerksam, das in allen Ländern auftauche und in Deutsch-land in demmerkwürdigen aber schwer zugänglichen Stefan George"seinen Führer und in derwirklichkeitsfernen und kühlen Zeitschrift derBlätter für die Kunst" seinen Mittelpunkt gefunden habe. Der Lobrednerdes Volkstümlichen und Volksliedes hatte freilich keine Freude an diesenDichtern, die völlig der wohltuenden Gabe der Naivität ermangelten undsich darin einig seien niemals zu lächeln.Sie sind oft feierlich," schloß derseltsame Menschenkenner seine Betrachtung,am häufigsten melancho-lisch, vor allen Dingen aber niemals fröhlich."

Noch höher im Norden widmete Johannes Jörgensen der jüngsten dichte-rischen Bewegung in Deutschland eine Studie, die im September 1893 inden norwegischenSamtiden" erschien. Auch er wies seine Landsleute aufdie gesamteuropäische Bewegung in der Dichtung hin, welche sich gegendie naturalistischen Skribenten wende, die wohl die Fähigkeit hätten, eineHandlung zu schaffen, eine Person zu schildern, ein Interieur zu malen aberv °n dem wesentlichen Erfordernis der Dichtung nichts verstünden. Er lei-tete die neue Bewegung von England her, von dort sei sie nach Frankreich,Belgien und Holland und jetzt auch nach Deutschland verpflanzt worden,w o die jungen Dichter zu ihrem anerkannten Führer Stefan George auf-sähenals zu dem, der den Weg weiß und das Ziel kennt". Jörgensen sahtrotz der Betonung des unzweifelhaften französischen Einflusses schondeutlich, daßGeorge ebenso unzweifelhaft aus tiefer Wurzel des deut-schen Dichterstammes entsprungen ist und seine wesentlichen Voraus-setzungen innerhalb der Grenzen seines Landes zu finden sind". Dasdenken und Fühlen in Metren und Reimen erschien ihm als das kenn-zeichnende Merkmal Georges. Aber der Eindruckreiner und echterPoesie", den seine Werke machten, stammt nach seinen Worten nichta us dieser oder jener Seltsamkeit in der äußeren Form, sondern aus demFühleneiner ganz eigentümlichen und eigenwilligen Seele, die sich insouveräner und selbstgeschaffener Form ausdrückt". Diese Form er-innerte ihn im Wesen an Mallarmes Wortmusik und an Verlaines sugge-stive Kunst: mehr musikalisch als malend, mehr durch das wirkend wassie ahnen ließ als was sie sagte.Wie traumzeugendes Opium ist diesePoesie. Die Verse buchten sich in seltsamem Schwung wie Rauchsäuleneines Gefäßes mit brennendem Weihrauch. Wie hinter einem Nebel siehtman unsichere Gesichter, unbestimmte Wesen, Gestalten einer Welt überWolken oder in Meerestiefe. Vergebens sucht man nach diesen Traum-bildern zu greifen, sucht vergebens durch den Nebel zu dringen: man mußs tillsitzen und in Andacht lauschen. Und dann wird man ergriffen von die-

5i