Druckschrift 
Stefan George und die Blaetter fuer die Kunst : dt. Geistesgeschichte seit 1890
Entstehung
Seite
49
Einzelbild herunterladen
 

len der Parnassiens und Realisten, der Decadents und Symbolisten wur-den in den folgenden Jahrzehnten von dieser Bewegung getragen, auchwenn sie scheinbar dem politischen Leben fern sichder reinen Schön-heit" widmeten. Der Stolz, Frankreich an die Spitze des menschlichen Fort-schritts zu setzen, belebte sie alle. Dabei waren die französischen Geisterdem Einstrom der Nachbarvölker niemals offener als in diesen Jahrzehn-ten nach 1870,Frankreich rächen durch die Brüderlichkeit der Völker, dieKaiserreiche abschaffen, Europa schaffen" hatte Victor Hugo als Ziel be-zeichnet. Man nahm die englische Bewegung der Präraffaeliten auf undwie man im Militärischen von dem verhaßten Sieger lernte, scheute mansich nicht in der Dichtung an die deutschen Romantiker anzuknüpfen undetwa die musikalische Klangwirkung Wagners auch für die eigene dichte-rische fruchtbar zu machen. Jean Thorel hatte schon im September 1891 ineiner Studie über die deutschen Romantiker und die französischen Symbo-listen in den Entretiens politiques et litteraires die innige Beziehung zwi-schen den beiden Bewegungen aufgedeckt. Um so verächtlicher sahen diePariser damals auf die literarischen Gruppen des zeitgenössischen Deutsch-lands herab, ob sie nun in den ausgefahrenen Gleisen der Epigonen weiter-leierten oder sich im unbeholfenen Gestammel der Naturalisten versuchten.Erst als ihnen die erste Dichtung Georges, die HYMNEN bekannt wurden,sahen sie in ihm einen verwandten von den literarischen Gruppen seinerHeimat unabhängigen Dichter und einen Bundesgenossen im Kampf umdie geistige Einheit Europas. Schon im Oktober 1891 und März 1892brachte die L'Ermitage in Paris und im September 1892 der Floreal in Lüt-tich eine Anzahl seiner Gedichte in der Ursprache und in französischerÜbersetzung. Die daran geknüpften Besprechungen von Albert Saint-Paulund Achille Delaroche suchten George natürlich als einen Nachfolger Bau-delaires, Verlaines und Mallarmes darzustellen, der vom französischenSymbolismus angezogen nun auch in Deutschland den Kampf gegen dieUntauglichen alten und neuen Schulen eröffnen wolle. Er erschien ihnen als»der bemerkenswerteste Dichter des jungen Geschlechtes jenseit des Rhei-nes" und als im Herbst 1892 das Pariser Blatt La Plume einen Aufruf fürein Baudelaire-Denkmal erließ, das Auguste Rodin ausführen sollte, war indem führenden Ausschuß, der sich bildete, neben den Namen Lecomte deLisle, Paul Bourget, Francois Coppee, Anatole France, Edmond de Gon-court, Heredia, Huysmans, Lemonnier, Maeterlinck, Mallarme, Mirbeau,de Regnier, Richepin, Rodenbach, Stuart Merrill, Sully-Prudhomme, Swin-burne, Verlaine, Verhaeren und anderen Stefan George als einziger deut-scher Dichter vertreten.

Die Begründung derBlätter für die Kunst" verstärkte noch den Wider-

4 49