5. KAPITEL: DIE GRÜNDUNG DER „BLÄTTERFÜR DIE KUNST" UND DIE „ERSTE FOLGE"
INZWISCHEN hatte Karl August Klein die Verhandlungen über die ge-plante Zeitschrift mit Hofmannsthal und Gerardy weitergeführt. Erhatte von den wenigen Beteiligten „die größte Offenheit und Rückhalt-losigkeit gegeneinander als einziges Mittel gefordert, um den streng aus-schließenden Charakter der Sache zu wahren" und bei jedem „das unbe-dingte Bedürfnis vorausgesetzt, Namen und Werke nicht in den abge-schmackten befleckenden — sogenannten modernen — Zeitschriften zu ver-ewigen". Obwohl Hofmannsthal sich völlig mit dieser Haltung einverstan-den erklärte, ließ er doch in diesen Monaten einige seiner Gedichte in einerTageszeitung veröffentlichen ohne diese Tatsache mitzuteilen, und fastdrohte am mangelnden Vertrauen auch die dichterische Verbindung mitihm zu scheitern. Ein bittrer Brief Georges rief ihn auf den gewiesenenWeg zurück und im Oktober 1892 erschien in Berlin das erste Heft derersten Folge der „Blätter für die Kunst" einer Bezeichnung, von der diewestlichen Freunde gern behaupten, daß sie ihren „Ecrits pour l'art" ent-liehen sei. Drei junge katholische Dichter, ein Deutscher, der nur in Parisbekannt war, ein Österreicher, dessen Name man kaum über Wien hinauswußte, ein rhein-preußischer Wallone, der eben in Lüttich seine erstenVerse veröffentlicht hatte, dazu ein ebenfalls katholischer SchulfreundGeorges mit Namen Carl Rouge, vereinigten in einem dünnen Heft vonzwei Bogen ihre Dichtungen und es wird immer eine der seltsamsten Er-scheinungen unseres Schrifttums bleiben, mit welchem Anspruch sie auf-traten und wie dennoch weit darüber hinaus ihre Hoffnungen und Wünscheerfüllt wurden.
Eine Auswahl aus den drei schon veröffentlichten Werken Georges, dieerste seiner Legenden unter dem Decknamen Edmund Lorm, der „Tod desTizian" von Hofmannsthal, die „Kreuze" von Gerardy und zwei Gedichtevon Rouge nahmen den größten Teil der schmalen Blätter ein. Sie hiel-ten es „für einen Vorteil nicht mit Lehrsätzen zu beginnen sondern mitWerken, die unser Wollen behellen und an denen man später die Regelnableite". Die Dichtungen unterschieden sich an Gehalt Form und Stoffgrundsätzlich von allen literarischen Erzeugnissen der Zeit in Deutsch-land und ihre Verfasser stellten sich vor allem in Gegensatz zu der „ver-brauchten und minderwertigen Schule die einer falschen Auffassung derWirklichkeit entsprang". Auch jede Zweck- und Lehrdichtung, welchesich mit Weltverbesserungen und Allbeglückungsträumen abgab, wurde
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