um den Sinn menschlicher Maße im Auf- und Untergang schuf George dieGestalt des Algabal, den Fürsten der menschenfernsten Räume und alltag-fremdesten Stunden, der nur das eine unerbittliche Gesetz der Hoheit undEinzigkeit, die eine unerbittliche Freiheit des Wandels in den ihm be-stimmten Bahnen kennt, den Unbefleckten und Makellosen, der lieber dieäußerste Härte als die Duldung des Unzulänglichen, lieber den Tod als dieErnüchterung, lieber den Mord als die leise selbst ungewollte Antastungder Würde will. Mit dieser Gestalt stellte George, was keiner der west-lichen Enddichter wagte noch vermochte, wieder Bild und Recht des herr-scherlichen Menschen in die Mitte Europas. So leben zu wollen, dieDränge und Kräfte in sich zu fühlen so leben zu können, aber hineingebo-ren sein in d i e s e n Weltzustand, hieß für den schöpferischen Geist unter-gehen oder mit dem Mittel seiner Gewalt das Reich erobern, in dessen Lufte r atmen konnte, hieß also für den Dichter zuerst das Wunschbild in derSprache und als Sprache so wirklich, so groß so schön gestalten, daß dieAchse der Zeit sich vor ihrer lebendigen Wucht verlagern und die ver-wandten Kräfte um die neue Mitte zu kreisen beginnen mußten. Moch-ten die Wirbel zunächst kaum sichtbar sein, mochte die Ergriffenheit demscheinbar Ungefährlichsten Untäterischsten nämlich der künstlerischenSchönheit gelten: sie barg diesmal die Gewähr der Weiterwirkung, Traumund Tat zugleich in ihrem sprachlichen Geheimnis. Der welthungrige undzukunftsträchtige Geist des Dichters hob sich schon in der Dichtung selbstüber das Verhängnis der Endzeit: das Gedicht „Graue rosse muß ich schir-ren" sprengt den Weltraum Algabals und läßt den Sturmwind eines unver-brauchten Barbarentums aus der gebärenden Urnacht der Zeit in die Mar-rnorhallen und Ziergärten wehen, das Schlußgedicht öffnet den Blick in dieJungfräulich kalten klaren Himmel, in noch unbetretenen neuen Raum.Aber gab es noch ein Mehr für ihn nach dieser Steigerung und Erhöhungdes Menschenbildes? Gab es noch einen Stoff nach diesem Erleben, nocheine Form nach dieser dichtesten Fügung der Worte, noch einen Ton nachdiesem Prunk der Maße und Klänge, gab es noch einen Schoß der Sprache,in dem dieser Geist neue Geburten erzeugen konnte? War dies nicht dochdas Ende? Eine Weiterführung dieser Linie war nicht mehr möglich, schondrohten die Spannungen das Gefäß des Körpers zu sprengen, der Dichterüberwachte noch die Veröffentlichung des neuen Werkes, das in Paris imSeptember erschien, dann warf ihn im Herbst eine schwere Krise seiner Ge-sundheit in der Heimat nieder, von der er erst langsam im Elternhause zuBingen genas, als der Frühling ihm die Gewißheit neuer dichterischerSchaffensfreude brachte.
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