düng der dichterischen Formen im Sinne der Erlesenheit der Stoffe wie derMittel herrschend, in Frankreich besonders im Anschluß an die frühen jetzterst zur vollen Wirkung gelangenden Dichtungen Baudelaires. AuchGeorge wurde im Kreis seiner Pariser Freunde tief von der Sprachgewaltdieses Dichters ergriffen. Er hatte im Verlauf des vorhergehenden Jahreseine große Anzahl seiner Gedichte ins Deutsche übertragen und in einerhandschriftlichen Vervielfältigung für seine Freunde veröffentlicht. Wäh-rend ihm der ganze europäische Naturalismus, wie jene erste Richtung inKunst und Leben genannt worden ist, in seiner offenbaren Niedrigkeit undUnfähigkeit künstlerische Gebilde hervorzubringen, verächtlich war, fander in Baudelaire und seinen Folgern eine solche Höhe der sprachlichen For-mung, eine solche Sauberkeit und Strenge der Versbearbeitung, einen sol-chen Ernst in der Behandlung künstlerischer Fragen und Aufgaben, daß ersich mit der ganzen Lust des Werkbegierigen dieser Welt der „KünstlichenParadiese" und „Blumen des Bösen" hingab. Indem er so das Endzeitlichein höchster Verfeinerung als künstlerisches Formgebilde aufnahm, wurdeihm freilich zugleich die späte Reizwelt in all ihren Erlesenheiten und Ver-derbtheiten als Erbe zugebracht. Es war eine damals noch stumme Frageunseres Schicksals an seine Kraft, ob er wie die bedeutenden Geister desWestens darin verhaftet bleiben oder auch ihrer Herr würde. Einmal mußteseine Seele, da die Kunst in ihrer lebendigen Zeitform nur diese Einheitvon Schönheit und Späte hatte, alle Möglichkeiten dieser Reize nicht imsinnlichen Genuß sondern in der geistigen Werkschöpfung erfahren, mußtesie auskosten, um sie hinter sich zu lassen, mußte die Süchte bis zur letztenÜbersteigerung ins Dichterische bannen, damit keine Nötigung für einkom-mendes Geschlecht bliebe, sich an diesen Gefahren der Spätzeiten zu ver-suchen. Wir wissen es heute, daß nach dem ALGABAL ein Mehr auf diesemFelde nicht mehr möglich war, die Seele des Dichters und mit ihr die unsrehatte sich satt getrunken an den berauschenden Giften und ist ihnen nichterlegen.
Denn nicht aus den Reizbegierden ging seine Dichtung hervor, sondernaus dem tiefen Bedürfen der Seele, ihr menschliches Traumbild in solcherSchönheit, Höhe und Unantastbarkeit hinzustellen, daß zwischen ihmund dem Menschenbild der Zeit, daß zwischen dem einen und derMenge ein Gleichgewicht der Kräfte geschaffen würde: „Ich bin alseiner so wie sie als viele." Die Aufreißung der tiefsten Kluft zwischendieser Seele und der europäischen Menschheit, ihre größte Vereinsamungund ihre größte Entfernung von dieser bot allein die Gewähr eines Siegesüber sie in der Zeit der Gleichheit und Einebnung aller Stufen unter Men-schen und Völkern.
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