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Stefan George und die Blaetter fuer die Kunst : dt. Geistesgeschichte seit 1890
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vollendete Mensch zum ersten Male als Wunschtraum einer deutschenSeele. In dem frei über sich und Menschen und Dinge verfügenden Prie-sterkönig, im Erben der größten Macht mit der größten Aufgabe seinerherrscherlichen Selbstformung, im einsamen allmächtigen Fürsten, demWille und Schicksal, Weisheit und Rausch, heldische Tat und vermessenerTraum sich widerspruchslos vereinen, fand George über den Sänger undPilger hinaus den Bildträger für die ganze Fülle seiner leidenschaftlichenDränge und geistigen Gesichte. Ob das geschichtliche Bild des spätrömi-schen Kaisers Heliogabalos dem so geschaffenen Sinnbild des Dichtersmehr oder weniger oder gar nicht entspricht, ist nicht von Belang. Wie da-mals in Rom war auch im sinkenden 19. Jahrhundert wieder Endzeit, ver-zweifelte Weise schrien es von den Bergen, höhnende Umstürzler verkün-deten es im niederen Volke und nur die es anging, die bürgerliche Gesell-schaft vom Kaufmann bis zum Fürsten, vom Tagesschreiber bis zumGelehrten, türmte den Wahnbau des Fortschritts weiter und verzerrteMensch und Erde bis zu nie gesehener Scheußlichkeit. Alles schien damalsden Begehrenden möglich, es gab nichts Unerreichbares, Unerkennbaresmehr: alle Zonen des Raumes vermischten ihre Gewächse und Güter, alleStoffe wurden für Forschung und Betrieb nutzbar und anwendbar, alle Zo-nen der Zeiten öffneten sich den Neugierblicken, alle Sitten wurden ver-tauschbar, alle Genüsse erreichbar für Seele und Sinne. Die erlesenen Köpfevon Paris bis Moskau hatten schon das ganze 19. Jahrhundert hindurch aufden tiefen Niedergang des europäischen Geisteslebens hingewiesen, dieempfindlichen Geister spürten den Endhauch einer Weltzeit um sich wehenund die Fin-de-siecle-Stimmung, wie sie in Kunst und Literatur von Frank-reich ausging, war nur der feinste Anzeiger dieser Seelenlage. Sie äußertesich in der Dichtung nach zwei entgegengesetzten Richtungen hin: einmalals Zerbrechen veralteter, ja Verachtung aller strengen Formen überhauptund Neigung zum Rohstofflichen der Sachen Zustände und Gefühle, dasandre Mal als äußerste Verfeinerung ja Übersteigerung der Formen undHinneigung zum Seltnen, Erlesenen, Verfeinerten, ja auch Giftigen undVerruchten, Richtungen jeder Endzeit, die den Verlust der bindenden Le-bensmitte anzeigen. Sie unterscheiden sich nur darin, daß bei letzter Über-steigerung die erste zur pöbelhaften Auflösung, die zweite zur byzantini-schen Erstarrung der Gesellschaft führt, daß jene in der Zertrümmerungaller Gebilde und der Entladung aller gemeinen Triebe, diese in der höch-sten Zuspitzung der Gesetzlichkeiten, in der erlesensten Auswahl der Stoffeund der äußersten Verfeinerung der Künste ihre Erfüllung sucht. InDeutschland hatte um 1890 in der Dichtung eben jene rohe Zerlösungbegonnen, in den Weststaaten Europas war dagegen die höchste Durchbil-

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