Durchbruch seiner besten Kraft, für diesen die Erscheinung Hofmamis-thals das früheste Ereignis seiner Fahrt: Die Findung des ersten dichte-rischen Menschen deutscher Zunge, eines Jünglings voll Feuer und An-mut und scheinbar vom gleichen glühenden Trieb wie er beseelt. Erschloß sich ohne Rückhalt, mit seiner männlichharten besitzergreifendenLeidenschaftlichkeit ihm an und glaubte einen Augenblick seinen höchstenTraum der Freundschaft verwirklicht zu sehen. Doch mußte er bald erfah-ren, was er um vieles später erst begreifen lernte: daß es Menschen gäbe,für welche das klare Wissen um das Höchste und Nötigste nicht auch dieNorm ihres Handelns sei, daß man in Wien mit großem Ernste von Dingensprechen und sie mit ebenso großem Leichtsinn bald darauf verleugnen,verlieren und verraten könne. Er erkannte die Vereinbarkeit solcher Wider-sprüche erst viele Jahre später — damals vertraute er der offenen Begeiste-rung Hofmannsthals und glaubte jeden Bund des Vertrauens mit ihmschließen zu können. Als Hofmannsthal sich diesem Glauben sogleich ver-sagte, sei es aus Furcht vor der geistigen Übergewalt des neuen Freundes,sei es aus Angst von dem schon beschrittenen eigenen Wege abgedrängtzu werden, als er sich ohne verdeutlichende Erklärung geschickt dem lie-benden Zugriff des Freundes entzog und dann brüsk die Freundschaft zer-riß, bereitete dies George die erste furchtbare Enttäuschung, das erste Ver-zweifeln vor einer ihm unerklärlichen menschlichen Haltung. Er empfandwie ein Kind noch als selbstverständlich die Einheit von Denken und Tun,von Wissen und Wollen und stand ratlos gequält vor einem Zwiespalt, derdem Wiener gerade seine Lebensmöglichkeit bedeutete: der GesundeStarke stand wie verkauft vor der ausweichenden Schwäche des Scheinge-sunden, der um seinen inneren Bruch wußte und sich sogleich mit demsicheren Gefühl des Bedrohten der starken Gewalt entzog, die ihm inGeorge entgegentrat. Ein Brief Georges an Hofmannsthal aus dem folgen-den Jahre verrät noch deutlich den Groll Georges gegen die leichte Art desWieners den Bruch zu verwischen: „Wir beide", so schrieb er, „sollen unsdoch nichts vormachen. Durch unsere letzte Unterredung in Wien wurdenur einer Form genügt, nichts aufgehoben und neugetan. Das empfandenSie ja auch so und richteten sich danach oder haben Sie mir je geschrie-ben? Ich tat alles um mich und meine Handlungsweise aufzuklären. Wennwir mißtrauisch und uns anschielend durchs Leben gehen, so ist das IhrWille." Äußerlich war der Zwist in jener Unterredung geschlichtet worden,aber der innerste Grund der Freundschaft war für immer zerbrochen.George verließ nach dem Erscheinen der PILGERFAHRTEN Wien und erstals er nach einem Aufenthalt in Paris und München im Mai des folgendenJahres noch einmal in die Kaiserstadt zurückkehrte, schloß er mit Hof-
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