Bollwerk gegen die Kriegerscharen des Ostens, jetzt noch die Verkehrs-und Handelsbrücke zum Orient und das Gemisch der Völker und Sprachenm seinen Straßen gab ihm etwas von der Buntheit jener morgenländischenFremde, die den Dichter in Venedig schon berührt hatte. Es war die Stadtder leichtesten und farbigsten Geselligkeit, aber George verlebte in ihr fastsein einsamstes Jahr. Die PILGERFAHRTEN, die dort entstanden, sind dasam meisten romantisch anmutende Werk des Dichters und lassen deutlichdie Luft des Ortes spüren, aber sie verraten noch mehr die Schritte des Ein-samen inmitten der bewegten Menge der heiteren Stadt. Der Weg derPILGERFAHRTEN liegt in der Richtung des Durchbruches der HYMNEN:Die Suche nach der „Herrin" in der Doppelbedeutung von geistiger Be-gnadung und sinnlicher Wunscherfüllung, welche die Jünglingsjahre kenn-zeichnet, ist Sinn und Ziel der Wanderung. Die Schritte und Halte, Kämpfeu nd Opfer auf diesem Wege spiegeln die Gedichte wider und das Ringenzwischen dem leidenschaftlichen Blut und dem Bewußtsein der höherenBerufung ist ihr am häufigsten wiederholtes Thema. Denn die triebhaftenErlebnisse und Erfahrungen fanden in dieser Seele schon ein Maß vor, andem ihr natürliches Recht gemessen wurde: nicht ihr eigenwilliger Auf-ruhr sondern ihr Dienst in der dichterischen Gestaltung bestimmte ihrenflatz und der Geist Georges kam gerade in dieser Spannung von Men-schenglück und Dichterleid zu sich selbst, erfuhr an ihr sein Verhältnis zurWelt. Noch steht er in den PILGERFAHRTEN unsicher tastend vor demeingeborenen Geschick: nur das höchste Schöne wählen und dennoch keinIrdisch-Triebhaftes verwerfen zu dürfen, und die Waage schlägt nach bei-den Seiten fast zu Verzichten und Verzweiflungen aus. Aber das Maß wirdgehalten, über Rausch und Taumel siegt die gelassene Kraft der Bändi-gung, über das Leid das Lied.
In der Glut dieses Ringens ist der Reichtum an innerer und äußerer Weltgegenüber den HYMNEN schnell gewachsen: wir erkennen in den Gedich-ten die tiefen Eindrücke der spanischen Reise und den üppigen Reiz Vene-digs wieder, aber auch „Verjährte Fahrten" der frommen Kindheit tau-chen auf und noch tiefer hinab in vorzeitliche Schichten, in längst versun-kene Geschehnisse eines ortlosen Ehmals sinkt die Seele des Dichters undzeigt uns, daß ihr innerer Zeitenraum viel weiter und umfassender ist alsder durchfahrene Mitteleuropas. Aber in keiner Weite und Tiefe verliertsie sich an ein rein Naturhaftes, noch wird sie überwältigt von einer außer-menschlichen Macht. Alles verdichtet sich im Menschen als menschlichesBild, selbst wo der Geist des Dichters in urzeitliche Vorgänge hinabtauchtwie in den Gedichten „Mühle laß die Arme still", „Daß er auf fernem Fel-senpfade" und „Wir jagen über weiße Steppen", sind noch die unpersön-
3i