liehen Schöpfertums zurückgriff und sich eine eigene von jener ersten ganzverschiedene Sprache erfand, die dem inneren Lautgefühl entsprechensollte. In dieser Lingua Romana, die neben den lateinischen wesentlich spa-nische Wort- und Klangformen hatte, dichtete George die ZEICHNUNGENIN GRAU und die LEGENDEN, ohne freilich ihr inneres Tonbild vonder Muttersprache trennen zu können, in die sie bald umgeschriebenwurden.
Die Erlebnisse der spanischen Reise waren vorerst noch in eine scheu be-hütete Heimlichkeit zurückgesunken. Die ZEICHNUNGEN IN GRAU gebeneher Kunde von den Kämpfen des leidenschaftlichen Blutes, das nachGesellung drängt, vom trotzigen Willen einer keuschen Selbstbehauptungund Bewahrung des jungfräulichen Zaubergürtels: besinnliche Augenblickeeiner jungen Seele, triebhafte Erschütterungen eines jungen Leibes: Drangnach höherer Erhebung, Zwang eines sinnlichen Bildes, Lust zur Selbst-zerstörung, Neugierde nach unerhörten Lastern, aber über allem ein selt-sam sicheres Wissen, daß eines bewahrt und nicht in die Triebsphäre ge-zogen werden darf: das heilige Wort. Selten biegsam, eher spröde und wi-derstrebend sucht die Sprachform diese Lockungen und Lockerungen zumeistern, sie ist völlig gelöst von jeder bisherigen Überlieferung und Über-einkunft: weder goethisch noch heinisch, weder epigonisch noch naturali-stisch, hat weder strenge Metren noch freie Rhythmen. Sie ist fast Prosa,aber von einem inneren Schrittmaß bewegt, ist fast nüchterne Benennungder inneren und äußeren Vorgänge, aber von einem stechenden Brennendurchsetzt, nirgends leichtes Spiel, nirgends zierliche Künstelei noch fal-scher Schmuck. Wenn etwas darin die Luft von Paris verriete so ist es derGehalt wie etwa im Gedichte PRIESTER, das man nur dort entstandendenken kann, sonst ist der Einfluß der Symbolisten in diesen Gedichtenkaum erkennbar.
Gegenüber den ZEICHNUNGEN IN GRAU neigen die LEGENDEN grad-weise einer strengeren Formung zu. Das Gesamtgefüge gliedert sich nochin ungleichen Strofen, das Maß in der ersten und zweiten Legende istnoch ein bewegter vierhebiger Vers mit wechselnden Senkungen und be-liebigem stumpfen oder tönenden Schluß. In der dritten Legende dagegentaucht schon der strenge fünffüßige Blankvers auf, der später in der vier-zeiligen gereimten Strophe das bevorzugte Maßgebilde Georges werdensollte. Hier ist er noch in freien Gruppen verwendet, reimlos wie überhauptalle Gedichte der ZEICHNUNGEN und LEGENDEN, aber in dieser Frei-heit weder an die frühen Rhythmen Goethes noch die späten Hölderlins ge-mahnend. Es ist eine besondere nie gehörte und nie wiederkehrende Weisedes Dichters, in der er sich vom Früheren löste und noch den eigenen Ton
24