kleinen Pension der Rue de l'Abbe de l'Epee die Nacht durch weiterplan-ten: Söhne fast aller Länder Europas, glühend vor Verlangen, ein Hoheszu leisten, am glühendsten der junge Deutsche, der viel horchte undschwieg und noch eine höhere Vorstellung vom Dichtertum in sich trugals jene verehrten Meister und Freunde. „Groß und schlank," so schildertihn Mockel, „das längliche Gesicht unter einer kurzen Flut von blondenHaaren und von einem fast melancholischen Ausdruck, der durch den leb-haften Glanz der Augen gemäßigt wurde — so wahrte er noch in der Hal-tung einen Rest von Unschlüssigkeit, die sich bald in vornehme Zurück-haltung wandelte. Eine uneingestandene Schüchternheit wurde bei ihm auf-gewogen durch eine schon sehr willensstarke Entschlossenheit. In der Ge-bärde hatte er die linkische Anmut von zwanzig Jahren, welche die künf-tige Kraft verrät."
In der Mitte des Jahres 1889 begrub George mit den neuen Freunden denstolzen Villiers, der noch den Kreuzfahreranspruch seiner Vorfahren aufein Königreich sein Leben durch behauptet hatte; dann verließ er Frank-reich auf mehrere Wochen. Die Freundschaft zu drei jungen Mexikanern,die er in Paris kennen lernte, hatte ein frühes Verlangen in ihm nach Erler-nung des Spanischen wiedergeweckt, und nachdem er sich der Sprache be-mächtigt hatte, brach er im Spätsommer allein nach Spanien auf 1 ). Dortüberkam ihn das seltsame Gefühl des Wiedersehens mit einer längst ent-schwundenen Heimat: das Andenken an eine längst verschollene Herr-schaft wuchs mit jedem Schritte, den er in das unbekannte Land tat, undverdichtete sich im „Inselgarten" zu Aranjuez zu jenem deutlichen Wie-dererkennen, das später in den PILGERFAHRTEN und HÄNGENDENGÄRTEN dichterische Gestalt gewann. Suchten damals die noch gestalt-los flutenden Kräfte dieser mächtigen Seele einen festen Grund im Spiegeleines vergangenen Daseins, um nicht fessellos in den eigenen Wirbeln um-getrieben zu werden? Erkannte sie das Dunkel-Ersehnte eines herrscher-lichen Lebens im Traum einer früheren Wirklichkeit? Oder tauchte tat-sächlich aus uraltem Bluterbe ein verborgenes Ehmals auf, dessen Grunduns nicht faßbar ist? Wir wissen es nicht, aber müssen dem Dichter glau-ben, daß hier in Spanien ein unheimlicher Tiefenraum der Erinnerung inihm aufbrach und WANDEL DER SEELE GESCHAH. Vor allem im Her-zen Spaniens, um Madrid und Toledo, rief die harte, fast unerbittlicheStrenge der Landschaft mit den finsterstolzen Königsschlössern gewaltigeBilder einer königlichen Einsamkeit und unnahbaren Größe in ihm wach.
*) Saint-Paul irrt in seiner Erinnerung, wenn er meint, George habe die Reise inseiner Begleitung gemacht. — Auch die von Mockel oben angeführte Blondheit derHaare beruht auf einem Irrtum der Erinnerung.
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