Bald wurde George mit diesem Kreise bekannt. Es war die berühmte„Plejade der Symbolisten", welche damals im Gegensatz zur parnassi-schen und realistischen Dichtkunst, der für Frankreich so kennzeichnendenEinheit des 19. Jahrhunderts, standen. Baudelaire war ihr allverehrter Ahn-herr, Paul Verlaine stand auf der Grenze der alten und neuen Schule, Ste-phane Mallarme führte die Jungen, die mit ihm für ihre neue Fühlweiseneue Formen des Ausdrucks suchten und den Angriff der Romantik gegenden typischen Stil und den typischen Vers der Jahrhunderte erneuerten. Andie Stelle der erzählenden und lehrhaften Dichtungsweise wollten sie diedichte, kurze Zusammenballung möglichst reicher Sinnträger im Vers: ersollte mehr Geheimnis, mehr Traum, mehr Musik erhalten. Sie sahen dasLeben nicht mehr als eine Sammlung von „documents humains", als einebanale Folge von Tatsachen, sondern als einen „magisch geordneten Vor-gang an, in dem jede Gebärde ein Sinnbild bezeichnet". Nur eine Traum-kunst mit allen Fähigkeiten feiner Abschattungen, nur die trunkne Ein-gebung und das freie Spiel der Seelenkräfte konnten nach ihrem Glaubenzum schöpferischen Lebensquell vordringen, zu dem die hemmenden Ge-setzlichkeiten bisher den Zugang verwehrt hatten. Der alte Kampf desfranzösischen Geistes gegen die eigene Überspannung des Intellekts hattesich in den jungen Dichtern zu neuer Bewußtheit erhoben, und im zartestenPunkte des nationalen Lebens, in der Sprache, suchten sie Rettung für dieverschütteten oder gehemmten Kräfte. In diesem Kreise lernte Georgeneben den schon genannten Meistern Villiers de l'Isle-Adam, Henri deRegnier, Francis Viele-Griffin, Achille Delaroche, den Belgier Albert Mok-kel, den französisierten Athener Jean Moreas, den Amerikaner Stuart Mer-rill und andere kennen; hier hörte er von den Toten Poe, Baudelaire, demverschollenen Rimbaud, und von den Lebenden Puvis de Chavannes, Rodin,Seurat, Cezanne, Gauguin und andre bald gerühmte Namen preisen. Es warein Lebenskreis von Künstlern, der das Lateinische Viertel gerade um dieJahre 1889 und 1890 mit einer neuen geistigen Spannung geladen hatte 1 ).Es war die Zeit der Gründung oder Blüte der Zeitschriften La Plume, LeMercure de France, L'Ermitage und der regelmäßigen Zusammenkünfteder Dichtergruppen im Lateinischen Viertel. Alle Fragen der Kunst wur-den dort mit einem jugendlich-heiligen Enthusiasmus behandelt und zu-gleich das kritische Vermögen in eifernden Gesprächen geschult. Es warder einzige geistige Ort in Europa, wo es eine Gemeinschaft von Dichterngab, die sich durch einen gemeinsamen Willen zur Vervollkommnung dersprachlichen Form verbunden fühlten, und in jenen Jahren einer entflamm-
*) Hier waren auch schon alle Werkkunststückchen ausgestellt die bei uns 30 Jahrespäter als neueste Mode der Malerei aufkamen.
20