liehen Alpenseen entlang in die Schweiz zurück und fuhr im März vomGenfer See zum ersten Male nach Paris, der Stadt, die dem Rufe und derWirkung nach noch immer die Mitte des gebildeten Europa war, dasHerz jenes Frankreich, das vor mehr als sechshundert Jahren die univer-sale Herrschaftsidee des Heiligen Reiches der Deutschen abgelöst hattedurch die universale Idee der europäischen Gesittung, der Zivilisation imhöchsten Sinne, und den Anspruch aufrechthielt, ihr gültiger Träger undBewahrer unter den Völkern der Erde zu sein. Als George in einem kleinenGasthaus nahe beim Boulevard St. Michel abgestiegen war, lernte er dortam gleichen Tage Albert Saint-Paul kennen. Die fast Gleichaltrigenschlössen sich bald einander an, und durch dieses glückliche Zusammen-treffen wurde George auf eine unerwartete und fast wunderbare Weiseschnell in die Mitte des geistigen Frankreich jener Tage geführt. Saint-Paul hat uns vierzig Jahre später das Aussehen des jungen Deutschengeschildert, dessen Geleit er so unerwartet wurde: „Seine Stirn wölbtesich trotz des jugendlichen Alters schwer unter dem vollen braungoldnenHaar; das einzige Helle in seinem Gesicht waren die Augen. Diese Augenwaren von bleichem Blau wie zwei Türkise. Sie erinnerten an die Augendes Dichters Frangois Coppee, von denen Stephane Mallarme sagte: ,Essind zwei Edelsteine'." Er fand George zunächst nichts weniger als mit-teilsam, eher schüchtern, aber im Louvre vor den Gemälden der frühita-lienischen Meister, Giotto, Fra Angelico, Mantegna, taute der Verschlos-sene auf, und Saint-Paul fand in ihm, was er selber war: eine für dieSchönheit offene Seele. George wußte damals kaum etwas von der Artungdes französischen Menschen und verstand dabei seine Dichtung nur, so-weit eine gute Kenntnis der Sprache sie eröffnen kann. In dem jungen Tou-lousaner Saint-Paul trat ihm eine Urform des Franzosentums entgegen, einschöner, dunkler Südländer, der zugleich von tiefer Begeisterung für dieDichtkunst erfüllt war und in einem Kreise Gleichgesinnter nur ihremDienste lebte. Im Verkehr mit ihm lernte er langsam dieses Volk begreifen:seine für uns so schwer erfaßbare Einheit von hellem Aufflammen und küh-ler Verständigkeit, von Beweglichkeit und Enge, Rachsucht und Höflich-keit, Verzagen und Aufschnellen, und durch den Anteil am persönlichenLeben drang er schneller und tiefer in die fremde Dichtung ein, als er durchein langes Studium an der Sorbonne vermocht hätte. Tag für Tag war ermit Saint-Paul zusammen, und jeden Morgen las dieser ihm einige Stun-den aus den Werken des französischen Schrifttums vor, von der Frühzeitbeginnend bis zu den jüngsten, noch lebenden Dichtern, und dies mit einerStimme, die selbst in dem anspruchsvollen Pariser Dichterkreise als eineder besten und schönsten zum Hersagen galt.
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