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Stefan George und die Blaetter fuer die Kunst : dt. Geistesgeschichte seit 1890
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denschaft ist drängender, nackter, sinnlicher geworden, die Gefühle wech-seln zwischen Sturm und Mattheit, dem aufgeweiteten Auge erscheint alleHabe, alles Erreichbare klein, und das Herz sehnt sich aus kleinem Liebennach der großen Liebe, die Seele nach endlichem Erwachen aus demTo-desschlaf". In der Sprache deutet sich diese Erregung in freieren Strophen-formen, größerer Bewegtheit des metrischen Gefüges, kühneren Bildernund farbigeren Sichten an: die Dinge sind deutlicher geschaut, und dieMerkmale der nördlichen Landschaft, welche die Reise berührte, sind inihrer Besonderheit spürbar, sie erscheinen hier im Gegensatz zur südlichenStadt und zu leidloserWärme, Schönheit und Licht".

Nach einem kurzen Aufenthalt in der Heimat ging George im Herbstdes Jahres 1888 in die französische Schweiz nach Montreux. Der Aufent-halt in England hatte seine Kenntnis von Land und Leuten wohl vermehrt,auch seinem äußeren Verhalten zur Umwelt eine Bestimmtheit gegeben,aber dem inneren Drang nach eigener Gestaltung und eigener Welt keinedauernde Entspannung gebracht. Hier, fern vom erregenden Atem dergroßen Städte und Häfen, an den weichen Ufern des Genfer Sees, überkamihn ein bedrückendes Gefühl des Alleinseins, und er mied die Menschendieser gesellig-heiteren Fremdenorte. Erst nach längerem Sträuben ließer sich in das Landhaus einiger vornehmen Frauen des deutschen Adelsführen und wurde von ihnen in einen kleinen Kreis gezogen, den frohe Ge-selligkeit und Beschäftigung mit der Dichtkunst belebten. Man versuchtegemeinsam kleine Bühnenstücke aufzuführen, und fand den MolierischenMisanthropen die geeignete Rolle für den ernsten, jungen Deutschen. Derfügte sich leicht in die adlige Welt, und man gewöhnte sich bald, seineeckige Art und bestimmte Haltung als das ihm angemessene Wesen undRecht zu achten. Die heitere Geselligkeit milderte ein wenig sein grüble-risches Sinnen, und die frühe Bekanntschaft mit gallischem Witz undParisischer Anmut in diesem Hause hat ihm bald hernach den Verkehrin Frankreich selbst erleichtert.

In die Zeit des Aufenthaltes am Genfer See fiel auch seine erste Reisenach Italien. Im Februar 1889 ging er nach Mailand und Turin, das er zurselben Zeit betrat, zu der der erkrankte Nietzsche es verließ. Die beidenGestirne, das eine niederstürzend, das andere noch verhüllt aufsteigend,kreuzten so ihre Lebensbahnen schicksalhaft am dunklen Himmel des deut-schen Geistes, ohne voneinander zu wissen: ein Vorzeichen, daß in Zukunftihre geistigen Bogen sich im Bereich gemeinsamer Kämpfe und Ziele nochöfter schneiden sollten. George gewann damals noch kein näheres Ver-hältnis zu Italien, das ihm die norditalienischen Städte nicht in seinereigentümlichen Artung zeigten. Im Vorfrühling wanderte er an den süd-

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