Es waren also mehr stillwirkende als übermächtige Eindrücke, die derSchüler von Darmstadt empfing. Das Aufwachsen in der ländlichen Mit-telstadt am Rhein und das früherworbene Wissen um das tätige Lebendes Tages gaben ihm eher ein sicheres Ferngefühl zur Lebensart der stei-fen Militär- und Beamtenstadt, in der sich Bürgertum und Staatsbeamten-tum wie zwei getrennte Welten gegenüberstanden. Sie erschien dem heite-ren und selbstbewußten Rheinfranken stets ein wenig unfrei und trocken,und er fühlte deutlich den Unterschied einer Lebenshaltung, die von demetwas dicklich gewordenen Imperativ der Pflicht geregelt wurde, gegen dieunbekümmerte Lebensfreude seines Heimatgaues. Was aber Bingen amwenigsten gewährte, eine Verbindung mit den geistigen Bereichen derDichtung und Musik, bot ihm die Hofstadt in um so reichlicherem Maße.Das Großherzogliche Theater war von gutem Rufe und konnte, mitten ineinem Kreise großer rühriger Städte gelegen, seine Kräfte von allen Sei-ten aufs beste ergänzen. Die Schüler des Gymnasiums waren seine regel-mäßigen Besucher, und George hat hier in den empfänglichsten Jahrennicht nur unsere Klassiker und Shakespeare, sondern auch die Opern Wag-ners und anderer Komponisten in guter Darbietung gesehen — selbstmoderne Stücke wurden gelegentlich aufgeführt. Bot die Umgebung derStadt nicht viele Reize, so führte doch jede Wanderung bald in eine Land-schaft, welche der heimischen an strenger Schönheit nicht ganz vergleich-bar war, aber dieselben Merkmale üppiger Fruchtbarkeit und tausendjäh-rigen reichen Lebens trug: vor allem im Süden längs der Eichen- undBuchenhöhen des Odenwaldes die Bergstraße, deren mit Wein- und Mohn-gärten, Mandel-, Kirsch-, Kastanien- und Nußbäumen übersäete Hügelund Ebenen keinem lombardischen Frühling zu weichen brauchen.
Die Schule bot ihm nicht mehr und nicht weniger als damals die meistenunserer humanistischen Gymnasien: ein neues Leben war noch nicht ge-weckt, die guten Überlieferungen zerfielen langsam, und die Art des Unter-richts erregte in ihm wie in allen reicheren Naturen mehr Widerstände alsLiebe. Auf die leicht wegwerfende Weise, welche diese Lebensstufe liebt,suchte er sich dieses Gegensatzes zu erwehren und machte satirisch-epi-grammatische Verse auf seine Umgebung. Auch eine vollständig ausge-führte Verserzählung aus dieser Zeit ist noch erhalten geblieben. Erst mitdem seelischen Durchbruch des Jahres 1886, der den knabenhaften Zwie-spalt mehr mit sich selbst als mit der Umwelt aufhob, erwachte das Ly-rische der Frühzeit wieder, und mit den ersten Gedichten dieses Jahres be-gann die ununterbrochene Reihe seiner dichterischen Erzeugnisse. Diefünfzehn Jahre später veröffentlichte FIBEL hat uns eine Anzahl früherVerse aus den Jahren 1886 und 1887 aufbewahrt, von denen der Dichter in
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