fen der Dichtung der frühste Traum wieder auf, dem noch der STERNDES BUNDES zu folgen befiehlt: der Traum des jugendlichen König-tums, in dem der kindliche Herrscher zur eigenen Sprache sich auch denRaum zur eignen Tat, sein Volk und seinen Staat ersann. Neben diesemLeben der Spiele und Träume beschäftigte noch ein andres den Knaben.Der Sinn für das Ergreifen einer bestimmten Wirklichkeit trieb ihn frühzur Erlernung handlicher Fertigkeiten, die sein offenes Auge auf allenPlätzen und Straßen der Stadt vom Morgen bis zum Abend üben sah. DieKenntnis des Acker- und Weinbaues, die Teilnahme an Lese und Kelte-rung, die Beobachtung des Hafengetriebes und der Schiffahrt waren selbst-verständlich für den Sohn des Rheingaues und der Handelsstadt. Das feste,aus buntem Rotsandstein erbaute Haus der Eltern lag mit seinem Vor-garten am breiten Nahekai, mit seinem Hoftor an der schmalen HinterenGrube kurz vor der Mündung der Nahe in den Rhein. Ringsum spielte sichder Betrieb der Märkte, der Stapelplätze wie der Gewerbe des kleinbürger-lichen Handwerkes ab, und was der Schuster und Buchbinder, Steinmetzund Gerber, Holzhändler und Fischer trieb, brauchte der Knabe nicht ausBüchern zu lernen. Er lebte unter ihnen, die Kinder der Handwerker undKaufleute waren seine Schul- und Spielgefährten, und viele Bilder seinesSprachschatzes zeugen von der fruchtbaren Nähe dieser urtümlichen Um-welt. Er begnügte sich auch nicht mit dem Sehen und Wissen, sondern biszum zwölften Jahre und in den Ferien, die er später zu Hause verbrachte,eignete er sich dieses oder jenes von den Urberufen handlich an, und be-herrschte zum Beispiel die Buchbindekunst wie ein gelernter Geselle.
So wuchs er im geraden Gegensatze zur theoretisch-literarischen Er-ziehung eines Bürgerkindes der großen Stadt mitten im tätigen Treibender an Brauch und Herkommen noch enggebundenen Rheinstadt auf, inwelche die zersetzenden Mechanisierungen noch nicht eingedrungen waren,in der noch das handwerkliche Können, das Gefühl für das Gemeinschaft-liche des Standes, die alte Sitte und der alte Glaube die unbewußte Grund-lage bildeten. Dabei fehlte das Regsame und der Blick in die Weite keines-wegs. Denn trotz der Beschränktheit seiner räumlichen Ausdehnung warBingen doch Schnitt- und Haltpunkt der großen Verkehrsstraßen zu Was-ser und zu Land für all die zahlreichen Reisenden des In- und Auslandes,die Handel, Schaulust oder Forschung täglich in diese gesegneten Tälerführte. Ein steter Durchgang von internationaler Welt, das Kommen undGehen von Schiffen aller nördlichen Länder, besonders der täglich erschei-nenden Holländer, gab den Bürgern der kleinen Stadt einen Weitblick, derauch in größeren Städten einer tieferen Festlandslage damals nicht zu er-langen war. Auch waren sie von Natur von offenem, teilnehmendem Wesen,
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